Her mit der Marie!

Folge: 1068 | 14. Oktober 2018 | Sender: ORF | Regie: Barbara Eder
Bild: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican
So war der Tatort:

An der Grenze des Zumutbaren.

Doch nicht etwa im Hinblick auf das Drehbuch (das ist klasse), die Inszenierung (die ebenfalls) oder gar die Besetzung (die über jeden Zweifel erhaben ist): Nein, in diesem Austro-Tatort wird ein derartiges Dialektfeuerwerk abgebrannt, das bei vielen deutschen Zuschauern gleich reihenweise Fragezeichen über die Stirn huschen dürften.

Wer mit dem Wiener Zungenschlag und den entsprechenden Begrifflichkeiten in unserem Nachbarland fremdelt, wird an diesem Tatort wenig Freunde finden, denn der irritiert schon mit seinem Filmtitel: Her mit der Marie! bezieht sich nicht etwa auf eine Geisel oder ein Entführungsopfer selbigen Namens, sondern heißt im Österreichischen so viel wie "Geld her!".

Gemeint ist eine Tasche mit Banknoten: Pico Bello (Christopher Schärf, Glaube, Liebe, Tod) und Edin Gavric (Aleksandar Petrovic), zwei Handlanger des früheren Unterweltkönigs Joseph "Dokta" Fenz (Falsch verpackt), brausen einleitend mit ordentlich Kohle im Kofferraum durch die Provinz, werden aber von einem maskierten Unbekannten überfallen und um ihr Geld gebracht. Gavric bezahlt sogar mit dem Leben, weil er den Helden spielen will.

Das wiederum ruft Chefinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Major Bibi Fellner (Adele Neuhauser) auf den Plan, die den Wiener Schmäh in diesem Tatort einmal mehr zelebrieren. Zur Not auch mal per "Wecall"-Schalte, bei der Eisner mit einem sympathischen Profilbild – in Zeiten von Snapchat und Instagram natürlich mit rausgestreckter Zunge, animierter Nase und braunen Ohren im ergrauten Haar – für den größten Lacher in diesem ohnehin äußerst kurzweiligen Tatort sorgt.


FELLNER:
Is' fesch, dein Profilbild!

EISNER:
Weißt du, wie man den Scheiß wieder wegkriegt!?


An den Dialekt der beiden Ermittler, der die Zankereien ja gleich doppelt amüsant macht, haben wir uns nach siebeneinhalb Dienstjahren zwar gewöhnt – wenn Fellner und ihr alter Busenkumpel Inkasso-Heinzi (Simon Schwarz) bei einer Plauderei im Hinterhof aber nebenbei auch noch auf einem Leberkäsbrötchen herumkauen (s. Bild), ist selbst für das geschulte Ohr kaum noch etwas zu verstehen.

Wer die akustische Herausforderung annimmt, wird aber mit einem auch ästhetisch überzeugenden Genre-Mix belohnt: Schon der melancholische Soundtrack (incl. Gastauftritt von Voodoo Jürgens), ein paar tolle Splitscreen-Montagen und die wunderbar fotografierte Eröffnungssequenz auf einer einsamen Landstraße zeigen, dass wir es mit keinem Tatort nach Schema F zu tun haben.

Regisseurin Barbara Eder (Virus) inszeniert vielmehr eine sehr unterhaltsame Kombination aus Milieukrimi, Roadmovie, Westerndrama und Mafiathriller, die sich selbst nicht allzu ernst nimmt und in der sich die schillernden Figuren förmlich die Klinke in die Hand geben. Während der augenzwinkernd überzeichnete Elvis-Verschnitt Pico und sein Verhältnis zur neuerdings angeblich ehrlichen Haut Inkasso-Heinzi bis zum Schluss die große Unbekannte und Antriebsfeder der Geschichte bleiben, gibt der eiskalte Problembeseitiger Marko Jukic (Johannes Krisch, Vergeltung) den harten Hund. Der einflussreiche Dokta stiehlt ebenfalls viele Szenen – zum Beispiel dann, wenn er sich beim Verhör im Präsidium in aller Seelenruhe ein Ei pellt, das ihm seine knuffige Gattin (Maria Hofstätter, Granit) zuvor noch fix in die Lunchbox gepackt hat.

Auch der übereifrige Assistent Manfred Schimpf (Thomas Stipsits) stellt bei seinem neunten Auftritt unter Beweis, was für ein großer Gewinn er über die Jahre für den Tatort aus Österreich geworden ist: So sehr sich Eisner und Fellner bei den Ermittlungen auch in die Haare kriegen – in dem tatendurstigen Kollegen finden sie in Her mit der Marie! immer wieder ein gemeinsames Feindbild, über das sie sich wunderbar echauffieren können.

Den 1068. Tatort auf sein Figurenensemble und die stellenweise brüllend komische Situationskomik zu reduzieren, würde dem überzeugenden Drehbuch von Stefan Hafner und Thomas Weingartner aber nicht gerecht: Wer einfach nur einen guten Krimi sehen und miträtseln möchte, kommt ebenfalls auf seine Kosten. Zwar reduziert sich der Kreis der Verdächtigen auf eine Person, doch bleibt deren Rolle bei der Tat bis in die emotionalen Schlussminuten unklar.

Dass die Auflösung nicht sonderlich knifflig ausfällt und sich im Mittelteil des Films ein paar Längen einschleichen, schmälert den guten Gesamteindruck allerdings ein wenig.

Bewertung: 7/10

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