Inferno

Folge: 1090 | 14. April 2019 | Sender: WDR | Regie: Richard Huber
Bild: WDR/Thomas Kost
So war der Tatort:

Verstimmt.

Und das liegt nicht nur am anstrengenden Soundtrack von Dürbeck und Domen, der die nachdenklicheren Sequenzen dieses Krimidramas mit auffallend disharmonischen Tönen begleitet: Im Ruhrpott liegen die Nerven mal wieder blank, weil jeder der vier Kommissare sein Päckchen zu tragen hat und sich viele Reibungspunkte zwischen den Figuren ergeben.

Dabei geht in Inferno alles ganz harmlos und harmonisch los: Die Dortmunder Ermittler Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt), Jan Pawlak (Rick Okon) und Nora Dalay (Aylin Tezel) werden in die Ruhr-Emscher-Klinik gerufen, weil die Internistin Dr. Gisela Mohnheim in einem Ruheraum der Notaufnahme mit einer Plastiktüte über dem Kopf tot aufgefunden wurde. Mord oder Selbstmord?

Dem üblichen Leichenfund zum Auftakt folgen die Erkenntnisse von Gerichtsmedizinerin Greta Leitner (Sybille J. Schedwill) und die Befragungen im beruflichen wie privaten Umfeld des Mordopfers, ehe mit dem obligatorischen zweiten Toten nach einer guten Dreiviertelstunde die Karten neu gemischt werden.

Drehbuchautor Markus Busch (Borowski und das Fest des Nordens) und Regisseur Richard Huber (Die robuste Roswita) servieren dem Publikum eigentlich einen Whodunit der klassischen Sorte, wie es ihn 2019 bis dato erst viermal gab (zuletzt in Bombengeschäft) – wäre, ja wäre da nicht das dramatische Schlussdrittel des Films und der starke Fokus auf die Gefühlswelten der vier Kommissare, die nach außen hin zwar als Team auftreten, hinter verschlossenen Türen aber noch nie eines waren.


PAWLAK:
Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

FABER:
Tja, das ist bei uns ja ganz anders.


Mit der tierlieben Krankenschwester Lexi Wolter (Lisa Jopt), dem labilen Pfleger Peter Norén (Niklas Kohrt) oder den vielbeschäftigten Medizinern Dr. Andrea Müller-Seibel (Doris Schretzmayer, Mein ist die Rache) und Dr. Lars Klinger (Ulrich Brandhoff, Level X) gibt es im Krankenhaus eine ganze Reihe an Augenzeugen und Tatverdächtigen – die mit Abstand interessanteste Figur in diesem Mikrokosmos aus kahlen Fluren, engen Büros und schlichten Krankenzimmern ist aber der undurchsichtige Stationsleiter Dr. Dr. Andreas Norstädter (Alex Brendemühl), der Fabers Geisteszustand schon nach wenigen Dialogzeilen durchschaut.

Das subtile Psychoduell zwischen dem irritierten Kommissar und seinem fachkundigen Kontrahenten ist der Fixpunkt dieses lange Zeit gemütlichen, aber in ein hochemotionales Finale mündenden Krimidramas, denn Norstädter gelingt etwas, was vorher noch keinem fremden "Seelenklempner" gelungen ist: Er dringt zur Ursache für Fabers Alpträume und damit zum Verlust seiner Familie und zur noch immer nicht beendeten Jagd auf Serienmörder Markus Graf (Florian Bartholomäi) durch, der in Auf ewig Dein gefasst wurde, in Tollwut aus dem Gefängnis entkam und in Monster ein letztes Mal zurückkehrt.

Das gestaltet sich eine gute Stunde lang unaufgeregt, aber reizvoll, ehe die Filmemacher auf der Zielgeraden über ihr Ziel hinausschießen und Inferno die Bodenhaftung verliert – dabei hatte der glaubwürdig erzählte und mit reichlich Kritik am überlasteten Pflegeapparat durchsetzte Kriminalfall bis dato auch den Kritikern der umstrittenen Tatort-Folgen aus Westfalen wenig Angriffsfläche geboten.

Von jetzt auf gleich ist das aber Makulatur, weil unterm Strich vor allem die Schlussviertelstunde in Erinnerung bleibt und die Auflösung der Täterfrage plötzlich zweitrangig ist: Faber lässt sich nach einem Medikamententrip zu einer halsbrecherischen Ego-Nummer hinreißen, die die Familienprobleme seines jüngeren Kollegen Pawlak oder die noch aus Zorn resultierenden Panikattacken seiner Kollegin Dalay nach allen Regeln der Kunst zur Nebensächlichkeit degradiert.

Hier zeigt sich einmal mehr, dass der Tatort aus Dortmund eine Miniserie innerhalb der Krimireihe geworden und der Star im Ruhrpott der grandios aufspielende Jörg Hartmann ist – und vielleicht kommt es nicht von ungefähr, dass Aylin Tezel ein paar Wochen vor der Erstausstrahlung dieser Tatort-Folge ihren Abschied für 2020 angekündigt hat. In der Zuschauergunst war ihre Figur spätestens seit dem Ausstieg von Stefan Konarske, der bis 2017 Nora Dalays Kollegen und Ex-Liebhaber Daniel Kossik spielte (letzter Auftritt im ebenfalls von Richard Huber inszenierten Meilenstein Sturm), ohnehin stark gesunken.

Bewertung: 7/10

Rezension der vorherigen Folge: Kritik zum Tatort "Bombengeschäft"

Kommentare:

  1. Wie kann einem ein normal denkender Mensch so ein verfehlter Tatort geboten werden. Thema total verfehlt.

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    1. Was war denn Ihrer Meinung nach das Thema?

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  2. Unzumutbar! Wie kann man dem Zuschauer so etwas bieten? Ein total verdorbener Sonntagabend. Nicht zum ersten Mal ein Tatort aus Dortmund, ohne jeden Unterhaltungswert. Wenn es bei unserer Polizei so aussieht, dann aber armes Deutschland. Nie wieder ein Dortmund-Tatort! Absetzen, den Kommissar ins Irrenhaus einweisen und den Regisseur gleich mit.

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  3. Traurig, dass so ein schöner, mittlerweile echt selten gewordener Saab 900 aus der ersten Baureihe für einen Tatort sterben musste. Echt traurig!

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