Maleficius

Folge: 1102 | 8. September 2019 | Sender: SWR | Regie: Tom Bohn
Bild: SWR/Sabine Hackenberg
So war der Tatort:

Vielleicht gar nicht so futuristisch, wie es zunächst den Anschein hat.

Regisseur und Drehbuchautor Tom Bohn (Kalter Engel) nimmt uns in Maleficius mit in das sterile Forschungslabor von Professor Bordauer (Sebastian Bezzel, spielte bis 2016 Hauptkommissar Kai Perlmann im Tatort aus Konstanz) – und was der Mediziner dort mit seinen hilfsbedürftigen Patienten anstellt, könnte wohl schon in ein paar Jahren tatsächlich Realität werden. In Bordauers Abteilung wird nämlich mithilfe von Gehirnstimulation Demenz bekämpft oder die Bewegungsfähigkeit zurückgewonnen.

So weit, so lobenswert, doch der Tatort wäre nicht der Tatort, würde er nicht auch ausführlich die ethische Fragwürdigkeit und die möglichen Schattenseiten dieser Experimente illustrieren. Im 1102. Tatort wird diese Debatte – auch das ist typisch für die Krimireihe – zulasten der Spannung zwischen den Ludwigshafener Hauptkommissarinnen ausgetragen: Während Nobelpreisanwärter Bordauer für seine Forschungen brennt und Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) Vorbehalte gegen die medizinische Entwicklung hegt, tritt ihre jüngere Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) dem Ganzen etwas aufgeschlossener gegenüber.

Auch die Kirche hat in Maleficius ein Wörtchen mitzusprechen – in Person von Pfarrer Ellig (Heinz Hoenig, Rendezvous), der in der Klinik, unter deren Dach sich Bordauers prestigeträchtige Forschungsabteilung befindet, als Seelsorger arbeitet und sich den Eingriff des Menschen in Gottes Schöpfung naturgemäß verbittet.


ELLIG:
Frau Kommissarin, wissen Sie, was der größte Erfolg des Teufels ist? Dass er uns Menschen glauben gemacht hat, dass es ihn nicht gibt.


Der beeindruckte Gesichtsausdruck der Kommissarin nach diesem altbekannten Usual-Suspects-Zitat ist bezeichnend für das, was auch den Rest dieser missglückten Tatort-Folge kennzeichnet: Die Dialoge der klassischen Whodunit-Konstruktion mit Frankenstein-Anleihen zählen zum Einfallslosesten, was man im Jahr 2019 noch in der Krimireihe zu sehen bekommt, Kleindarsteller werden mit aufgesetzten One-Linern gestraft und die Inszenierung und die Komparsen-Einsätze wirken trotz des modernen Settings auffallend steif und mechanisch.

Aus dem erzählerischen Erfolgsprinzip Show, don't tell wird im Tatort aus der Pfalz wieder das deutlich weniger originelle "Show and tell" – das wirkt vor allem beim Blick auf andere Tatort-Städte wie Berlin oder Stuttgart, in denen viel moderner und variabler erzählt wird, wie aus der Zeit gefallen.

Hinzu gesellen sich klischeebeladene Figuren: Während Tatort-Rückkehrer Bezzel als Cola-Junkie im Schlabberlook zumindest optisch den Gegenentwurf zu eitlen Vorzeigemedizinern wie Professor Boerne aus dem Münster-Tatort verkörpert, ist Oberstaatsanwalt Fritz Marquardt (Max Tidof), der im ebenfalls von Tom Bohn inszenierten Vorgänger Vom Himmel hoch sein Debüt gab, der Prototyp des arroganten Juristen, den es in Sonntagskrimis viel zu oft zu sehen gibt.

Und dann sind da noch die Jungs, die in der Werkstatt des (natürlich: schmierigen) Autohändlers Ali Kaymaz (Gregor Bloéb, Weihnachtsgeld) und seines hünenhaften Handlangers "Wolfi" (Tim Ricke) schicke Sportwagen restaurieren und illegale Rennen veranstalten: Der halbgare Ausflug in die Fast & Furious-Welt ist für die Kerngeschichte um den verschwundenen Rollstuhlfahrer Lukas Pirchner (Igor Tjumenzev) und die ermordete Assistenzärztin Dr. Marie Anzell (Jana Voosen, Der sanfte Tod) zwar ziemlich nebensächlich, bekommt aber dermaßen viel Platz im Drehbuch eingeräumt, dass man meinen könnte, zu komplexen Themen wie Transhumanismus und Künstlicher Intelligenz sei den Filmemachern für 90 Minuten nicht genug eingefallen.

Das wiederum könnte daran liegen, dass die SWR-Redaktion das nervtötende Dauergezicke der weiblichen Alphatiere im Präsidium aus den Drehbüchern hat verbannen lassen – ansonsten muss man aber lange suchen, um Maleficius etwas wirklich Positives abzugewinnen. Die Auflösung ist vorhersehbarer als ein Busfahrplan und in der Hotellobby, in der bereits der Showdown von Vom Himmel hoch spielte, hat der SWR das Set einfach nochmal aufgebaut (s. Bilder unten).

Zumindest Odenthals unbefugtes Eindringen in Bordauers heilige Hallen ist aber spannend arrangiert – schon einen Augenblick später wird dieser Lichtblick aber durch ein hanebüchenes Manöver ruiniert, bei dem sich Stern spontan mit muskelbepackten Autoschraubern verbrüdert.

So gilt dann wieder das, was in den letzten Jahren so häufig für den Tatort aus Ludwigshafen galt: Gut gemeint, aber weniger gut gemacht.

Bewertung: 3/10

Rezension der vorherigen Folge: Kritik zum Tatort "Falscher Hase"

Nanu? Diese Hotellobby aus dem Tatort Maleficius...

... kennen wir doch schon aus dem Tatort Vom Himmel hoch!

Kommentare:

  1. ich möchte einfach wieder irgendwann einmal einen guten krimi. einfach einen soluden spannenden nichts sagenden nur unterhaltenden krimi. coole schauspieler

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  2. Moin! Ich kann die schlechte Bewerung nicht nachvolziehen. Ganz starkes Thema das man nach meinem dafürhalten kaum besser hätte umsetzen können. Super Bild. Starke aber nicht überprfielierte Kommissare.Guter Ton. Feinsiniger passend stumpfer Humor kamm auch nicht zu kurz,ohne in Klamauk zu rutschen. Endlich mal wieder ein richtig guter Ludwigshafener Tatort. Hat mich sehr gefreud. Schulnote 1+

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  3. Obwohl ich Ulrike Folkerts als Schaispielerin grundsätzlich nicht mag, habe ich es gestern mal wieder mit dem Tatort versucht. Bei einem Versuch ist es geblieben!
    Neben den oben erwähnten Eindrücken hat mich am meisten der Auftritt von "Perlmann" als mutierten lässigen Nobelpreisanwärter irritiert.
    Wegen all dieser negativen Eindrücke zurecht ganz unten im Ranking!
    Nie mehr Tatort LU!

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  4. Die schlechte Bewertung hat der Krimi nicht verdient. Fande in sehr Unterhaltsam und das Thema ist Zeitgemäß. Auch der etwas stumpfe Humor war nicht schlecht. Würde mindestens
    8/10 geben.

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  5. Ein Tatort der allerübelsten Sorte. Ulrike Folkerts müsste endlich mal aus dem Dienst scheiden, wohl gleich wie die Autoren dieses Schlamassels.
    Die Charaktere quellen vor Klischees nur so über, selbst die demente alte Dame, die angibt ihre Tochter zu erkennen. So verhalten sich Demente nicht, weit verfehlt.
    Wer die Themen A.I. und Transhumanismus aufgreift, sollte sich zuerst mal damit auseinandersetzen, auch mit der Philosophie dahinter. Der Mensch als Species hat bislang auf allen Gebieten versagt (mit Ausnahme weniger) und ist auf gutem Weg zur Selbstauslöschung, oder zumindest Selbst-'Dezimierung'. Transhumanismus ist da als Lösung gar nicht abwegig, und tatsächlich auch nicht mehr weit in der Zukunft. Die einzeiligen Floskeln die zum Thema geäußert werden sind niedrigste Sorte der Ignoranz.

    Besten Dank für die Zeitverschwendung.

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