Parasomnia

Folge: 1144 | 15. November 2020 | Sender: MDR | Regie: Sebastian Marka
Bild: MDR/MadeFor/Daniela Incoronato
So war der Tatort:

Parasomnisch.

Denn der vierte gemeinsame Fall der Dresdner Hauptkommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) ist nicht von ungefähr eine der gruseligsten Folgen der Tatort-Geschichte: Er erzählt vom Schicksal der jungen Talia (großartig: Jungschauspielerin Hannah Schiller), die zur titelgebenden Parasomnie neigt und nicht nur beim Schlafen, sondern auch tagsüber von schlimmen Alpträumen und Visionen gequält wird.

Einer der Auslöser für die grauenvollen Erscheinungen ist der Fund einer Leiche in der heruntergekommenen Ex-DDR-Villa, in die Talia gerade mit ihrem Vater Ben (Wanja Mues, Fette Hunde) einzieht: Das junge Mädchen findet dort einen erstochenen Frührentner und ertappt dessen Mörder auf frischer Tat. Weil sie seit dem tragischen Tod ihrer Mutter eine Art Selbstschutz entwickelt hat und das traumatische Erlebnis sofort wieder verdrängt, tappen Gorniak und Winkler bei der Suche nach dem Täter aber ebenso lange im Dunkeln wie ihr Chef Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) – und wie der Zuschauer.

Vorausgesetzt, er oder sie hält bis in die dramatischen Schlussminuten des düsteren Schockers durch: Regisseur Sebastian Marka und Drehbuchautor Erol Yesilkaya, die bereits grandiose Folgen wie den verschachtelten Berliner "Zwiebelkrimi" Meta oder den vielgelobten Münchner Whodunit Die Wahrheit realisierten, unterziehen das Nervenkostüm ihres Publikums einer im Tatort bis dato kaum dagewesenen Belastungsprobe.

Das ist kein Krimi mehr, das ist Horror.

Der Ausflug in dieses Genre ist in der experimentierfreudigen Krimireihe indes kein Neuland: Beim missglückten Frankfurter Tatort Fürchte dich ging das (fürchterlich) schief, beim Bremer Vampir-Tatort Blut gelang es hervorragend und im Kieler Tatort Borowski und das Haus der Geister gab es gar nicht mal so viele Geister, wie es der Episodentitel vermuten ließ.

In Parasomnia ist das anders, denn die Gangart ist zwei Nummern härter als an der Kieler Förde: Im klassischen Haunted House-Setting und im Fahrwasser großer Vorbilder wie M. Night Shyamalans Mystery-Meisterwerk The Sixth Sense, das mit einem der besten Twists der Hollywood-Geschichte aufwartet, spielen die Filmemacher die Klaviatur des Genres stilsicher durch und zitieren dabei auch aus Paranormal Activity oder The Conjuring. Talia sieht tote Menschen so real, als stünden sie leibhaftig vor ihr, und es ist an ihrem vielbeschäftigten Vater und ihrer Vertrauensperson Winkler, das verängstigte Mädchen zu beruhigen.


WINKLER:
Lass es nicht zu. Diese Frau ist nicht real.

TALIA:
Wo ist der Unterschied, wenn sie mir weh tut?


Wenngleich es dem Film an einer ähnlich grandiosen Wendung auf der Zielgeraden fehlt (dafür gibt es viele kleine) und er mit den unvermeidlichen logischen Schwächen des Genres zu kämpfen hat, ziehen Marka und Yesilkaya die Spannungsschraube konsequent an und sorgen fast im Minutentakt für tolle Gänsehautmomente. Die ersten Jump Scares – zum Beispiel eine Spiegelung in der Fensterscheibe – werden noch mit angezogener Handbremse inszeniert und vertont, schon bald aber blickt die bedauernswerte Talia einer entstellten Toten ins Antlitz, die ihr in einem finsteren Keller ans Leder will.

Auch für verstörende Kinderzeichnungen, die wir als effektives Gruselmotiv zum Beispiel aus der Dürrenmatt-Verfilmung Es geschah am hellichten Tag oder aus dem Netflix-Hit Stranger Things kennen, und für subtileren Horror ist in diesem Tatort Platz – etwa wenn Talia der irritierten Winkler wie selbstverständlich ein totes Vogelküken unter die Nase hält oder ihr den Pyjama ihrer verstorbenen Mutter zum Übernachten anbietet. Creepy.

Für schwache Nerven ist der 1144. Tatort damit nichts: Wer sich auf einen gemütlichen Krimi nach bewährtem Rezept gefreut hat, wird mit diesem Film kaum glücklich. Die einleitende Stippvisite der Kommissarinnen bei den argwöhnischen Nachbarn Marion (Anne-Kathrin Gummich, Todesschütze) und Felix Steinmann (Rainer Reiners, Der gute Weg), die in ihrer Tonalität an den Kölner Tatort Nachbarn oder den Frankfurter Tatort Wendehammer erinnert, fällt noch am ehesten ins übliche Schema – ansonsten setzen die Filmemacher voll auf elektrisierenden Thrill statt auf routinierte Befragungen.

Was Parasomnia zum wegweisenden Gütesiegel Tatort-Meilenstein fehlt, ist eine echte Auseinandersetzung mit den Motiven des Täters und mehr Eigenständigkeit – wer in seinem Leben schon ein paar Horrorfilme geschaut hat, wird beim Ausflug ins Dresdner Gruselkabinett nur selten auf dem falschen Fuß erwischt. Als Beitrag zur Krimireihe ist der Film aber bemerkenswert – und der MDR knüpft mit seinem Team nahtlos an den hohen Unterhaltungswert der drei Vorgänger Das Nest, Nemesis und Die Zeit ist gekommen an.

Bewertung: 8/10

Rezension der vorherigen Folge: Kritik zum Tatort "Limbus"

Kommentare:

  1. Müssen wir jetzt in jedem neuen Tatort irgendwelchen Psycho Zombie Mist ertragen? Mein Gott, nur weils für Hollywood nicht reicht, muss man Genre Krimi ja nicht missbrauchen.
    Letzte Woche das Münster Team verheizt und diese Woche das nächste Team. Überlegt mal, ob es noch ausreichend Leute gäbe, die für sowas in Zukunft im Kino bezahlen würden, wenn sie eine Wahl hätten (GEZ).

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    1. Naja, die Geschmäcker sind halt verschieden. Ich persönlich fand ihn genial. Diese psychologischen Themen, welche real sind und wehtun bringen auch Licht für Viele ins Dunkle. Ich finde, solche Abweichungen vom ausgelatschten Weg bringt Erfrischung.

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  2. Wirklich ein ganz ganz toller Tatort. Spannend. Packend. Einfach gut. Hat mich gepackt. 1*

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  3. Schwächer gehts nicht muss so ein Tatort gesendet werden habt ihr keine guten Schreiber mehr ?

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  4. Hilfe!!! Wer war denn jetzt der Mann in schwarz gekleidet vor dem die Polizisten zusammen mit dem Kind ins das Haus der eigentlichen Mörders flüchtete???

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    1. Der Nachbar, der am Ende im Kampf mit der Polizistin stand.

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    2. Der Mörder. Kam durch den Keller in sein eigenes Haus.

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  5. Ich fand den Tatort heute wirklich gute. Spannend bis zum Schluss.

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  6. Ich fand den einfach Klasse, super gespielt. Aber den einen gefällt das, den anderen nicht.
    Warum mich mal sowas?

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  7. endlich mal wieder ein spannender Tatort..fast schon ein Psychothriller
    die letzten Tatort Filme waren zum einschlafen langweilig ...dieser war superspannend mit überraschendem Ende
    auf jeden Fall weiter so

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  8. Fand ihn sehr gut und spannend!

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  9. Puh, ich bin fix und fertig. Für meine nerven ist so Psychofilm nicht.

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  10. Ich fand es sehr spannend. Der Tatort-Trend geht in meinen Augen wieder nach oben.

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  11. Gut gemacht, aber nächstes mal bitte wieder ohne Geisterstunde .

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  12. Ich hatte des öfteren Gänsehaut.....
    Gegenüber der Lachnummer von letzter Woche hatte dieser Tatort Spannung und ein Hauch von Psychothriller👍

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  13. Was soll der Mist? Ich schaue seit über 20 Jahren regelmäßig den Tatort am Sonntag. Das Niveau der letzten Jahre ist unerträglich. Es ist eine Frechheit dass ich das mit meiner GEZ Gebühr auch noch finanzieren muss ��

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    1. Die Mehrheit der Zuschauer gestern hat klar entschiedn, das Ihre Meinung die Minderheit ist....

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  14. Ein Tatort der etwas anderen Art. Gut. Ziemlich creepy und ich bin froh, dass heute kein Teenie mitgeschaut hat.

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  15. Toller Tatort!
    Super spannend bis zum Schluss!
    Und eben auch einfach mal was anderes.

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  16. Genial! Endlich mal wieder ein spannender Tatort! 1*

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  17. Ich bin seit langem mal wieder Himmelhoch jauchzend.
    Mal was anderes.
    Top !

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  18. Mich hat der Tatort von der ersten bis zur letzten Minute gepackt. Klar nicht alles war logisch, aber schauspielerisch KLASSE. Gänsehautfeeling im November

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  19. Warum nur 8 Punkte? Der Tatort war noch besser als "Limbus" letzte Woche. 9 Punkte hat der mindestens verdient!

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    1. Steht ja im letzten Absatz: Keine echte Auseinandersetzung mit Täter und Tatmotiv, praktisch keine Eigenständigkeit. Im Hinblick auf die Horrorelemente alles schon oft dagewesen. Limbus war im Vergleich zwar weniger spannend, aber origineller, daher sehen wir sie zumindest auf der Skala in etwa gleichauf. Bei "Limbus" waren es knappe 8 Punkte und diesmal sind es gute 8 Punkte.

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  20. Nach dem leider sehr schwachen Stuttgarter Tatort (die ich normalerweise sehr mag) zwei aufeinander folgende spektakulär andersartige Tatorte... nach Münster jetzt dieser. Meiner Meinung nach zwei sehr gelungene Ausflüge in andere Macharten. Jetzt freue ich mich mal auf einen Dortmund oder Hamburg Tatort.

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  21. Ein etwas anderer Tatort, ABER spannend, packend und gruselig bis zur letzten Minute. So macht Tatort schauen endlich wieder Spaß! Weiter so Dresden!
    5 Sterne

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  22. Für uns einer der besten Tatorte überhaupt. Legendär!

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  23. Der Tatort war fantastisch. Spannend, packend, super. Vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber ich fand ihn super. Überragend: Hanna Schiller als Talia.

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  24. Ich wollte einen Krimi sehen und keinen Horrorfilm. Das sollte vorher wenigstens gekennzeichnet werden, damit man gewarnt ist wenn man sich so etwas nicht anschauen möchte. Ich kann mir keine Horrorfilme ansehen, da mich das viel zu sehr aufwühlt und konnte jetzt die ganze Nacht nicht schlafen.

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    1. In den programmzeitschriften und Tageszeitungen wurde klar erwähnt, das es eine Mischung aus Thriller und Horror wird.

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    2. Einfach den Fernseher ausschalten oder umschalten, niemand zwingt zum Weiterschauen wenn man bemerkt, dass man das nicht verträgt.

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  25. Doris Arps
    Der TO ist mal gut, mal schlecht - aber ganz ehrlich, was soll man sonst am SO abend machen?
    Ich stelle viel mehr die Besetzung der "altgedienten Kommissare" aus Köln, München und leider auch Axel Prahl und Ulrike Folkerts in Frage. Die Schauspieler wurden von 20 Jahren gecastet und entsprachen dem Bild von coolen, smarten und sexy Kommissaren; aber leider werden wir ja alle älter und gemütlicher. Im wirklichen Leben ist kein Beamter ü. 50 auf der Strasse zum Ermitteln.
    Die Darsteller gehören schon zu meiner TV Family, sind aber nicht mehr aktuell für den Beruf des Kommissars.

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  26. Ja, ein ganz toller Tatort......natürlich nicht unbedingt für die reinen Krimigucker. Aber echt gut gemacht, einfach spannend.

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  27. Endlich mal ein Tatort, der mich von Anfang bis Ende gepackt hat. Allerdings nichts für einen gemütlichen Wochenendausklang für eine Familie oder zart Besaitete.
    Wo sollte da Horror zu sehen sein? Die Erscheinungen des Mädchens lassen sich doch wirklich durch ihr Erleben und ihre Störung erklären.
    Und der "schwarze Mann" war der Serienmörder, der eigentlich nichts anderes wollte, als seine alten Spuren zu verwischen. Dabei versperrten ihm andere den Weg und er musste wieder morden bzw.das versuchen.
    Für mich blieb da keine einzige Frage offen. Ich wünsche mir mehr solcher spannenden Tatorte/s. Und nicht so einen Klamauk wie den aus Münster, den so viele so toll finden. Münster gehört ins Vorabendprogramm, dieser evtl. an einen späteren Sendeplatz.

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