Unten

Folge: 1149 | 20. Dezember 2020 | Sender: ORF | Regie: Daniel Prochaska
Bild: ARD Degeto/ORF/Superfilm/Philipp Brozsek
So war der Tatort:

Wie eine Kreuzung aus Platt gemacht und Schattenwelt – aber nicht ganz so enttäuschend wie der Tatort aus Köln und bei weitem nicht so stark wie der Tatort aus München.

Denn während die Auflösung des Falls thematisch an den Hamburger Tatort Leben gegen Leben von 2011 erinnert, mutet die Geschichte ansonsten lange Zeit an wie die genannten Krimis von 2003 und 2009: Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ermitteln bei ihrem 25. gemeinsamen Fall im Wohnungslosenmilieu – so wie es einst ihre Kollegen Ballauf und Schenk in Köln und Batic und Leitmayr in München taten.

Assistent Manfred "Fredo" Schimpf (Thomas Stipsits), der in Unten zum letzten Mal im Austro-Tatort zu sehen ist (mehr dazu in unserem News-Artikel), harrt nach einem einleitenden Fauxpas recht unauffällig im Präsidium aus, während die Wiener BKA-Ermittler nach dem Mord an dem Obdachlosen Gregor Aigner (Jonathan Fetka) ihre Nasen in Notschlafstellen und Suppenküchen stecken oder Tatverdächtige an tristen S-Bahnhöfen aufspüren.

An diesen und ähnlichen Orten lungern sie herum, die aufmüpfigen Drogendealer Jonathan "Indy" Lechner (Michael Steinocher, Sternschnuppe) und Tina Kranzinger (Maya Unger), hier holen sich die unteren Zehntausend, zu denen auch der tatverdächtige Micha Schmidt (Klaus Huhle) zählt, ihre warme Mahlzeit ab – und hier begegnen Eisner und Fellner auch der schrägen Sackerl-Grete (Inge Maux), einer misstrauischen und wirr daherplappernden, aber irgendwie sympathischen Aussteigerin.

In der Welt der Besserverdiener gibt es ebenfalls Verdächtige: Heimleiter Frank Zanger (Michael Pink, Todesspiel) lebt auf auffallend großem Fuß, die erfolgreiche Chirurgin Dr. Steiner-Reeves (Jutta Fastian, Im Netz der Lügen) hat sogar mal Vaginafleisch in Gesichter transplantiert – und Isabella Aigner (Bettina Ratschew), die Ex-Frau des zu Verschwörungstheorien neigenden Toten, weiß bei der Begegnung mit den Kommissaren wenig Positives über ihren verstorbenen Gatten zu berichten.


FELLNER:
Wie ist es eigentlich genau dazu gekommen, dass der Gregor auf der Straße gelandet ist?

AIGNER:
Seine oder meine Wahrheit?

EISNER:
Wir hören uns immer gern alle Wahrheiten an.


Die Drehbuchautoren Thomas Christian Eichtinger und Samuel R. Schultschik, die ebenso wie Regisseur Daniel Prochaska zum ersten Mal für die Krimireihe am Ruder sitzen, scheinen sich nicht ganz entscheiden zu können: Soll der 1149. Tatort nun ein beklemmender Milieukrimi werden oder ein gemütlicher Whodunit nach bewährtem Rezept? Wirklich tief ins Wohnungslosenmilieu eintauchen tun die Filmemacher selten, und so ist Unten zwar ein ordentlicher Tatort, aber am Ende weder Fisch noch Fleisch. 

Kaum eine Szene tut weh. Kaum ein Einzelschicksal, so es denn überhaupt beleuchtet wird, reißt wirklich mit. Auch Gretes nicht. Da kann sie sich noch so dankbar am Kakao schlürfen, den Eisner und Fellner ihr spendiert haben, oder stolz Familienfotos zeigen, die der Zuschauer nicht zu sehen bekommt. Zu platt bleiben die Charaktere, zu selten dringen wir zum Seelenleben der Figuren durch. 

Vieles wird nur angerissen oder läuft gleich ganz auf Autopilot. So auch der obligatorische SEK-Einsatz auf der Zielgeraden und die obligatorische Standpauke von Sektionschef Ernst Rauter (Hubert Kramar), die diesmal originell variiert wird. Zweifellos ein netter Einfall – aber eben auch nicht mehr. Dass Fellner den Toten von früher kannte, passt ins Bild, denn auch ihre bewegte Vergangenheit war im Wiener Tatort schon viele Male der Anknüpfungspunkt ins Hier und Jetzt. Der Drehbuchkniff funktioniert auch hier wieder passabel.

Ärgerlicher Sozialkitsch ist hingegen der dünne Handlungsstrang um die alleinerziehende Mutter Johanna Wallner (Sabrina Reiter), die mit ihrem Sohn Tobi (Finn Reiter) verzweifelt eine Bleibe sucht und sich Unterkunftsleiter Zanger anvertraut: Seltsam aufgesagt wirken die aufmunternden Worte des Jungen, seltsam künstlich ein erlösender Anruf nach einem Vorstellungsgespräch. Eine auffallend steif arrangierte Szene am Krankenbett bewegt sich dann fast auf Soap-Niveau.

Dass das Schicksal der beiden von Beginn an in Abwesenheit der Kommissare ins Geschehen eingeflochten wird, lässt nur einen Schluss zu: Es wird am Ende noch wichtig, und so ist die Täterfrage leicht zu beantworten. Auch daran muss sich dieser klassische Whodunit, bei dem es pünktlich nach einer Dreiviertelstunde die zweite Leiche zu beklagen gibt, messen lassen. 

Die Krimis aus Österreich – wir denken an Highlights wie Ausgelöscht, Falsch verpackt oder Kein Entkommen, die freilich noch weitere Stärken hatten – hat man schon stärker gesehen. Eisner und Fellner sind längst im Mittelmaß angekommen – und nach dem ordentlichen Pumpen und dem soliden Krank macht auch der dritte Wiener Tatort binnen vier Monaten nicht den Eindruck, als würde sich daran so schnell etwas ändern.
Bewertung: 5/10

Rezension der vorherigen Folge: Kritik zum Tatort "Es lebe der König!"

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