Rettung so nah

Folge: 1155 | 7. Februar 2021 | Sender: MDR | Regie: Isabel Braak
Bild: MDR/MadeFor/Daniela Incoronato
So war der Tatort:

Krankheitsgeschwächt.

Denn wie schon im Wiener Tatort-Meilenstein Kein Entkommen von 2012 grassiert auch in Rettung so nah die Grippewelle – und die hat nicht nur Hauptkommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) erwischt, sondern gleich die halbe Belegschaft im Dresdner Präsidium.

Vielleicht auch, weil die Dreharbeiten 2020 wegen der Corona-Pandemie unterbrochen wurden, lässt sich in diesem Tatort an mancher Stelle das vorbildliche Einhalten der Hygieneregeln beobachten: Der schwer erkältete Kriminalassistent Ingo Mommsen (Leon Ullrich), der zum letzten Mal mit von der Partie ist, niest routiniert in seine Armbeuge und der (noch) kerngesunde Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) desinfiziert sich die Hände am eigenen Schreibtisch.

So seltsam die Tatort-Terminierungen der ARD bisweilen anmuten, so perfekt ist das Timing diesmal: Während die Ärzte und Krankenpfleger auf deutschen Intensivstationen um das Leben von Covid19-Patienten ringen, bringt die Sendergemeinschaft im zweiten Lockdown einen Sonntagskrimi, in dem sich die Filmemacher dem Alltag von Rettungsfahrern widmen.

Regisseurin Isabel Braak und Drehbuchautor Christoph Busche, die zum ersten Mal für die Reihe am Ruder sitzen, nehmen ihr Publikum mit in den Alltag der Sanitäter, die einleitend den stimmungsvoll in Szene gesetzten Mord an ihrem Kollegen Tarik Wasir (Zejhun Demirov) verkraften müssen. Ein Serientäter hat die Berufsgruppe gezielt ins Visier genommen.

Mitunter etwas dick aufgetragen, aber doch klar ist die Botschaft: Wir sollen uns Gedanken darüber machen, was es für die Rettungsfahrer eigentlich heißt, im Fall der Fälle den Kopf für uns hinzuhalten. Von erfahrenen Kräften wie Elena Jancowicz (Mieke Schymura) oder Hagen Rigmers (Matthias Kelle) und ihrem querschnittsgelähmten Vorgesetzten Peter Fritsche (Torsten Ranft, Tiefer Fall) lernen die Zuschauer viel über die täglichen Strapazen, die körperlichen Attacken und die verbalen Anfeindungen, denen die unbewaffneten "Blitzableiter für jeden Frust" ausgesetzt sind.


RIGMERS:
Ich sag schon seit Jahren: Wir brauchen Stichschutzwesten im Einsatz. Und Pfefferspray.

GORNIAK:
Eine Stichschutzweste hätte Ihrem Kollegen nicht geholfen. Und Pfefferspray kann man Ihnen abnehmen und gegen Sie verwenden.

RIGMERS:
Ja? Das will ich mal sehen.


Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist Rettungsfahrerin Greta Blaschke (großartig: Luise Aschenbrenner, Die ewige Welle), die ihre Tochter Emily (Maxi Nike Hutzel) allein groß zieht und nach Feierabend den undurchsichtigen Jens "Jakob" Schlüter (Golo Euler, Unter Kriegern) datet: Durch den Fokus auf die psychisch labile Einzelgängerin ist schon nach der ersten Begegnung der beiden klar, dass die Antwort auf die Täterfrage mit Schlüter und ihr zusammenhängen muss.

Überhaupt wirkt der 1155. Tatort lange Zeit – und das ist angesichts jüngster Tatort-Highlights wie Parasomnia durchaus überraschend – für Dresdner Verhältnisse recht konventionell: Die obligatorische falsche Fährte, die erfahrene Stammzuschauer kaum von der richtigen Spur abbringen dürfte, verpufft in der Filmmitte ohne große Überraschung und auch das Drama im Garten der Schlüters ist früher zu erahnen, als es erzählt wird.

Andere Sequenzen – etwa eine Schlägerei alkoholisierter Fans von Dynamo Dresden oder diverse Reibereien auf der Rettungswache – sind steif arrangiert und in den Nebenrollen eher zweitklassig besetzt. Spannende Nebenfiguren gibt es trotzdem: Schlüters Ehefrau Johanna (Annika Blendl, Unter Wölfen) zählt trotz ihres späten Auftritts dazu, während die Gattin des ermordeten Sanitäters, Salima Wasir (Sabrina Amali, Alles was Sie sagen), etwas zu kurz kommt.

Im Schlussdrittel gewinnt Rettung so nah dann aber erheblich an Klasse und übertrifft ähnlich gelagerte, kraftvolle Themenkrimis wie den soliden Tatort Kaputt, der den Berufsalltag von Kölner Streifenpolizisten beleuchtete, noch knapp: Die Auflösung der klassischen Whodunit-Konstruktion gestaltet sich trotz des vorhersehbaren Tatmotivs knifflig und ist durchaus kein Kinderspiel. Und allein Luise Aschenbrenners überragende Performance ist das Einschalten wert.

Auch die drei Hauptfiguren sind bei ihrem fünften Aufeinandertreffen voll in ihrem Element: Schnabel schnabelt sich mit seinem unverwechselbaren Kasernenhofton durch den Film, nennt die überarbeitete Hauptkommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) mal "Leo", mal "Frau Winkler" und verbucht auf der Ziellinie einen wohltuend menschlichen Moment für sich. Zwischen Gorniak und ihrer Kollegin wiederum wird in einer der wenigen humorvollen Szenen endlich das ausgesprochen, was das Verhältnis der beiden seit dem tollen Thriller Das Nest belastet hat.


WINKLER:
Es tut mir leid, dass ich dich nicht besucht hab, damals im Krankenhaus.

GORNIAK:
Danke.

WINKLER:
Wenn du das nächste Mal niedergestochen wirst, dann komm ich.


Bewertung: 7/10

Rezension der vorherigen Folge: Kritik zum Tatort "Tödliche Flut"

Kommentare:

  1. Super, das war ein guter Tatort !

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  2. Endlich mal wieder ein guter Tatort. Es wurden mal die wirklichen Probleme im Rettungsdienst angesprochen. Von 10 Einsätzen sind doch min. 8 nur noch Schrott.(Bin in Berlin unterwegs gewesen) Keiner steht mehr hinter einem.
    Und vor allem ....es war mal wieder spannend.....,dass sollte einen Krimi ja wohl auszeichnen.
    Fazit: "Ein wirklich guter Tatort"

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  3. Ja, stimmt,mal wirklich wieder ein guter Tatort. Habe früher gerne Mal den Münsteraner gesehen. Aber Heute war im Gegensatz zu anderen Tatort Serien Mal ein Top Tatort

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  4. Hut ab vor der schauspielerischen Leistung von Luise Aschenbrenner in diesem Tatort! Ich kannte ihren Namen davor nicht - aber in diesem Tatort war ich vor allem vom Schauspieltalent der "Hauptrolle" beeindruckt, weshalb ich nachgoogeln und hier einen Kommentar hinterlassen musste, hoffend, dass sie das vllt irgendwie mitbekommt. Chapeau

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  5. Bin leider die letzten 10 Minuten eingeschlafen,weiss also nicht wer der Mörder war!🙄🙈

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  6. Wieder mal ein guter Tatort. Spannendes Thema, gute Schauspieler

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  7. Eine große Überraschung ist das angesichts der Qualität der älteren Fälle aus Dresden nicht, aber eines meiner Lieblingsteams hat mich mit diesem sehr guten Tatort wieder überzeugt.
    Es wird auf ein wichtiges Thema aufmerksam gemacht. Auch wenn tatsächlich an einigen Stellen weniger mehr gewesen wäre, ging das doch unter die Haut. Besonders mitgerissen hat mich die Szene, in der die Sanitäter angegriffen werden. Der Kriminalfall ist auch solide, sehr spannend und toll gespielt von Luise Aschenbrenner, Golo Euler und den Kommissarinnen. Obwohl die Auflösung im Nachhinein eigentlich ziemlich klar ist, war ich beim Schauen doch überrascht.
    Somit kann der Krimi als überdurchschnittlich guter Krimi punkten, obwohl er nicht so unkonventionell ist wie etwa "Parasomnia" oder "Das Nest". Die Anspielungen auf letzteren Krimi haben mich übrigens ein bisschen überrascht, weil die Erstausstrahlung doch ein bisschen her ist und sich viele Zuschauer vielleicht gar nicht mehr so genau erinnern, was damals passiert ist.
    Vor allem wegen des interessanten und wichtigen Themas und der starken Besetzung halte ich noch 7/10 Punkte für diesen Tatort für durchaus angemessen. Es muss und darf ja auch nicht immer unkonventionell sein - sonst wird das ja wieder konventionell...

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