Wie alle anderen auch

Folge: 1160 | 21. März 2021 | Sender: WDR | Regie: Nina Wolfrum
Bild: WDR/Martin Valentin Menke
So war der Tatort:

Nah dran an realen Fällen aus Berlin, Hamburg oder Köln – denn auch in der 1160. Tatort-Folge, die mit gut 86 Minuten Spielzeit etwas kürzer ausfällt als gewohnt, wird nachts ein obdachloser Mensch angezündet und steht am nächsten Morgen nicht mehr auf.

Es handelt sich dabei um Monika Keller (Rike Eckermann, Mauerpark), die einst ihren Sohn verlor und sich zum Ärger ihrer Rivalin Gertrud Tauenziehn (Dana Cebulla, Im Namen des Vaters) mit dem Verkauf von Straßenzeitungen auf der stark frequentierten Domplatte über Wasser hält – doch anders als bei den genannten Schreckenstaten war Keller zum Zeitpunkt des Anzündens bereits tot, weil ein Unbekannter sie mit einer Überdosis Fentanyl vergiftet hat. Bis die Einleitung erzählt ist und Rechtsmediziner Dr. Roth (Joe Bausch) ihre Leiche inspiziert, vergeht mehr als eine Viertelstunde – was der Figurenschärfe in der Folge sehr zugute kommt.

Für einen Kölner Tatort, der für sein klassisches Arrangement bekannt ist, fällt das Vorspiel damit überraschend lang aus: Die Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) tauchen erstmalig in Minute 17 auf, scheinen von der Brandleiche aber nicht sonderlich schockiert. Die beiden haben in ihren 29 bzw. 25 Tatort-Dienstjahren schon alles gesehen – auch das Obdachlosenmilieu, in das sie 2009 im enttäuschenden Tatort Platt gemacht hineinschnupperten.

Wenngleich Ballauf und Schenk – einmal mehr mit Unterstützung von Norbert Jütte (Roland Riebeling) und Natalie Förster (Tinka Fürst) – recht unaufgeregt ermitteln und der Welt der Abgehängten und Übersehenen stets aus einer gewissen Distanz begegnen, darf der Zuschauer tief ins Milieu eintauchen. Die im Kölner Tatort häufig (zu) dick aufgetragene Sozialkritik und das plumpe Politikerbashing beschränken sich erfreulicherweise auf zwei Dialoge an der Wurstbraterei – hätten die Ermittler einfach wortlos am Kölsch genippt, wäre die Botschaft trotzdem bei uns angekommen.


BALLAUF:
Eine Billion Euro steckt unser Staat jedes Jahr in unser Sozialsystem. Und trotzdem müssen manche Rentner im Mülleimer nach Flaschen suchen. Kannst du mir mal sagen, was die die ganze Zeit mit dem ganzen Geld gemacht haben?

SCHENK:
Berater engagiert?


Dass die bedrückende Geschichte aus der Feder des vielbeschäftigten Drehbuchautors Jürgen Werner (Heile Welt), der in den Jahren zuvor viele Dortmunder Tatort-Folgen für den WDR konzipiert hat, vor allem in der zweiten Filmhälfte mitreißt, ist aber weniger den Ermittlungen im Mordfall, sondern dem zweiten Handlungsstrang geschuldet, den Werner in Minute 1 eröffnet und den er erst in der Schlussminute wieder schließt.

Unter Regie von Nina Wolfrum (Niemals ohne mich) begleiten wir die wohnungslose Ella Jung (grandios: Ricarda Seifried), die vor ihrem gewalttätigen Ehemann geflohen ist, bei ihrer Odyssee durch die Domstadt und in die Bruchbude des schmierigen Kellners Axel Fahl (creepy: Niklas Kohrt, Inferno) – und es sind besonders diese beklemmenden Sequenzen ihres Ausgeliefertseins, die in Wie alle anderen auch die größte Wucht entfalten.

Wenn Fahl die missliche Lage der Untergetauchten schamlos ausnutzt, ihre Unterwäsche im Bad inspiziert und übergriffig wird, sind das nur schwer auszuhaltende Szenen – die zugleich eindringlich deutlich machen, in welcher Gefahr wohnungslose Frauen schweben und welche Erniedrigungen sie in ihrer Verzweiflung zu erdulden bereit sind, um in einem warmen Bett zu schlafen. Diese Momente tun weh. Sie führen uns schonungslos vor Augen, wie gut es uns auf der heimischen Fernsehcouch eigentlich geht – und machen die flache Spannungskurve und die vorhersehbare Auflösung damit zumindest ein Stück weit wieder wett.

Der starke Cast, der die Nebenfiguren mit Leben füllt und aus dem Ricarda Seifried mit einer tollen Performance noch heraussticht, ist ein weiterer Pluspunkt des überzeugenden, wenn auch etwas geradlinigen Krimis. Der präzise Blick auf die Facetten der Armut und den alltäglichen Kampf der Geringverdiener, der zu den Klängen von Bonapartes Melody X erfreulicherweise nicht mit kitschigen Bildern aus der Welt der Besserverdiener kontrastiert wird, zeichnet die gelungene Kreuzung aus tristem Sozialdrama und klassischem Whodunit ebenso aus.

Denn Armut ist eben nicht gleich Armut: Regine Weigand (Hildegard Schroedter, Der König der Gosse), die sich täglich in der Obdachlosenhilfe aufreibt, kann sich mit ihrem schmalen Gehalt kaum eine enge Wohnung im Dachgeschoss leisten, während Passanten an die Scheiben von Fahls abgewohnter Bruchbude im Souterrain urinieren. Und die unverschuldet verschuldete Altenpflegerin Katja Fischer (Jana Julia Roth) hat zwar noch einen Job, muss aber in ihrem Auto leben, weil man ihr die Wohnung wegen Eigenbedarfs gekündigt hat. Eine soziale Stufe tiefer wartet nur noch die Straße. 

Und:


WEIGAND:
Am Ende gewinnt immer die Straße.


Bewertung: 7/10


Kommentare:

  1. Leider ist es immer mehr die Realität....aber unsere Politiker machen sich weiter die Taschen voll.
    Die Schere geht immer weiter auseinander....

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  2. DieEr Tatort war gut gemacht und hart an der Wirklichkeit. Die gerade Armut der Frauen ist heute schon erschreckend,soweit auch die Altersarmut. In Zukunft könnte dieser Tatort real werden. 180€ fehlen heute schon vielen am Leben. Es muss sich endlich etwas in unsetet Gesellschaft ändern,gute Arbeit,bezahlbarer Wohnraum und gerchte Bezahlung die zum Leben reicht. Respekt vor dem anderen den es nicht so gut geht,gehört selbst verständlich unbedingt dazu.

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  3. Sehr guter Tatort ! Frauen"schicksale" die jede Frau in Deutschland treffen könnten !! ...aus eigener Erfahrung: mit sehr gutem Schulabschluss, sehr gutem Gesellenbrief ! guten Arbeitszeugnissen .. Eigenheim, 2 entzückende Kinder "nur" misshandelnder Ehemann ... Trennung vor Selbstmord ! ..Sozialhilfe ..Umschulung ..Arbeit, alleinerziehend ...nur noch Kampf ums Überleben und Bildung der Kinder ...bis zum 'Burnout' ..Klink ..'Neuanfang' ..neue Festanstellung unbefristet, Hoffnung ! voller Einsatz ..zum Jahrestag: Entlassung wg. "Umstruckturierung" Zusammenbruch ..Klinik .. wieder "aufgestanden" ..neue Stelle gesucht ...inzwischen haben die Kinder Abitur/ Fachabi und ziehen aus ..konnte nicht mehr vollzeit arbeiten ...aufstockend Hartz4 ..Wohnung zu groß ! ..usw .usw. ...Angst auf der Straße zu landen! keine Kraft mehr für Anträge !! irgendwann wollte ich mir vorm Jobcenter die Pulsadern aufschneiden !...zum Glück habe ich es damals nicht getan !! ...aber wenn frau in Deutschland nicht mehr selbst "kämpfen" kann, kann sie schnell ganz unten sein !!!

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  4. Diese Folge hat einen realen Hintergrund, was passiert, wenn Menschen auf der Straße landen und trotz aller Bemühungen nur getreten werden. Und da ist auch noch ein Komisar, der den blöden Spruch loslässt, doch einfach mal ein neues Leben anzufangen und die Frau stehen zu lassen. Mit was denn? Wenn man schon ganz unten ist. Hilfe und eine Beratungstelle zu vermitteln wäre geistreicher gewesen. Da fehlt jede Empathie und Menschlichkeit.

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  5. Wenn ich Informationen zu diesem Thema haben möchte dann kann ich ne Doku schauen. Für einen Tatort ist mir dieser "ewig erhobene Zeigefinger" zu viel. :-( :-(

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  6. Sehr bedrückend und vermutlich sehr nah an der Realität. Sehr sehr gut!

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  7. Auch mich hat dieser Tatort sehr erschüttert. Zeigt er doch auf wie unsere Gesellschaft verroht ist. Die Armut wird immer größer und die Hilfen immer kleiner. Reich wird immer reicher und arm wird immer ärmer. Haben wir alles diesen seit Jahren unfähig regierenden Politikern zu verdanken. Es ist schon erbärmlich, wenn man beobachten muss, wieviele Menschen in unserem ach so reichem Staat Flaschen sammeln müssen.

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  8. Mir hat der Tatort nicht besonders gut gefallen und es ist mir wirklich ein Rätsel, wie die Redaktion von wiewardertatort hier mehr Punkte vergeben konnte als im tollen Kieler Tatort vor zwei Wochen.
    Wie so oft in Köln, wird oft zu dick aufgetragen und die Kommissare werfen mit Binsenweisheiten um sich. Ihre kalte Art konterkariert dabei diese allenfalls gesprochene Empathie. Einige starke Szenen, wie etwa die versuchte Vergewaltigung, sind zwar ebenso gelungen wie die scharfe Figurenzeichnung und die Vermittlung der Lebensumstände auf der Straße an die Öffentlichkeit. Doch plätschert die Geschichte ziemlich geradlinig und ohne große Überraschungen vor sich hin. Die Auflösung ist auch nur Formsache.
    Unterm Strich kann dieser Film zwar mit einigen packenden Aspekten punkten und bietet ein authentisches Bild von der verzweifelten Lage gerade obdachloser Frauen, wenn auch nichts so richtig Neues geliefert wird. Als Krimi ist dieser Tatort meiner Meinung nach jedoch eher enttäuschend. Die tollen Darsteller_innen können da wenig retten. Einen entscheidenden Mehrwert für mein Leben hat mir dieser Film definitiv nicht beschert. Von mir also eine Wertung im unteren Mittelfeld: 5/10.

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