Meret Becker im Tatort-Interview

Am 14. November ist Meret Becker im Tatort Die Kalten und die Toten zum vorletzten Mal als Tatort-Kommissarin in Berlin im Einsatz. Im Interview verrät sie die Beweggründe für ihren Ausstieg – und hat für ihre Figur Nina Rubin schon einen konkreten Abschiedswunsch im Kopf.

Bild: rbb/ARD Degeto/Aki Pfeiffer
Liebe Meret, in ein paar Wochen ist der Tag gekommen: Du drehst deinen letzten Tatort. Wie kam es denn zu der Entscheidung, die Krimireihe zu verlassen?

Ich habe ich in den letzten Jahren viel gelernt, bin sehr dankbar für die Zeit und möchte sie auf keinen Fall missen – aber es gibt jetzt auch was Anderes zu tun. Eigentlich wundere ich mich, dass ich überhaupt so lange da war. Ich wollte mal gleich am Anfang wieder gehen, weil ich dachte: Irgendwie ist der Tatort doch nichts für mich. Dann bin ich aber geblieben, denn eigentlich fand ich mich ganz gut. (lacht) Außerdem ist der Tatort kein Format, das man schnell wieder verlässt, sondern eines, das man länger macht. Und ich finde es immer besser, zufrieden als unzufrieden zu gehen. Ich mache das jetzt sieben Jahre und eigentlich wären es 14 Filme geworden – ich wollte aber unbedingt 15 machen, weil das eine ungerade Zahl ist und ich bei sowas abergläubisch bin.

In deinen bisherigen Äußerungen zum Ausstieg war immer eine sehr hohe Wertschätzung gegenüber deinem Tatort-Partner Mark Waschke zu lesen. Was schätzt du so an ihm?

Mark hat einen großartigen Humor. Außerdem kennzeichnet ihn eine große Neugier und Liebe zu Menschen und Fehlern. Genauso bin ich aufgewachsen und auch mein Vater ist so durch die Welt gegangen. Diese Art finde ich schön, ich mag das sehr, und deshalb werde ich Mark auch fürchterlich vermissen.

An welchen Moment mit ihm wirst du dich besonders erinnern?

Ich weiß noch, wie wir bei unserem ersten Tatort [Das Muli, Anm. d. Red.] am letzten Drehtag am Urbanhafen in Kreuzberg standen. Wir hatten zu viele Überstunden, es hat geregnet und alle am Set waren fertig und genervt. Dann schwammen ein paar Schwäne vorbei und in dem Moment sagte Mark: Ist das nicht toll, dass wir das machen dürfen? Und dann mussten wir beide fürchterlich lachen über die Situation. Solche besonderen Momente, in denen beide genau die gleiche Sicht auf die Dinge haben, hat man mit Menschen selten. Das fand ich toll.

Lang, lang ist's her: Meret Becker und Mark Waschke im Jahr 2015 bei der Vorstellung als neue Tatort-Kommissare in Berlin. Bild: rbb/Thomas Ernst

In deinem Abschiedsstatement hast du 2019 gesagt, dass es in den letzten Jahren auch viele Herausforderungen gab, die du nicht missen möchtest. Welche waren das?

Jeder Film ist ja eine neue Herausforderung – allein schon das Lesen der Drehbücher und seine Kritik im Anschluss so zu formulieren, dass jemand nicht geknickt ist. Für mich als Frau ist das oft eine größere Herausforderung, als sie es vielleicht für Männer ist, wenngleich sich da in den letzten Jahren schon viel zum Positiven verändert hat. Man darf ja nicht vergessen: Die ganze #metoo-Debatte kam erst während meiner Tatort-Zeit auf. Seitdem hat sich viel getan und man wird als Frau in Diskussionen und generell in der Arbeitswelt anders wahrgenommen.

Hast du in diesen Diskussionen auch Einfluss auf deine Figur Nina Rubin genommen?

Zu Nina haben sehr viele Dialoge stattgefunden, sonst wäre die Figur nie zu der geworden, die sie heute ist. Ich finde, dass es auch meine Aufgabe ist, die Dinge infrage zu stellen – besonders dann, wenn man einen Berlin-Tatort macht. Die Stadt ist ja uferlos an Möglichkeiten. Da gehört es dazu, mal auszutesten, was alles möglich ist, sich vielleicht mal zu verrennen und Fehler zu machen, und auch eine fehlerhafte Figur darzustellen.

Welcher Aspekt ist dir bei Nina besonders wichtig?

Ich habe von Anfang an gesagt: Wenn ich eine Polizistin spiele, dann will ich, dass sie eine Sexualität hat und die auch lebt. Also nicht nur neben einem Typen aufwacht und sich nett mit ihm unterhält, während die Bettdecke bis zu den Schultern hochgezogen ist. Ich sehe das auch als ein politisches Statement. Als dieser Aspekt ein bisschen zurückgedreht wurde, habe ich es wieder angeschubst und wir haben neue interessante Aspekte an der Figur gefunden, auch im Hinblick auf die Beziehung zu Karow – der hat sich über die Jahre ja auch verändert. Gerade das macht mir mit Mark auch großen Spaß. Wenn ich sage: So sind die nicht, das würden die nicht machen, dann sagt Mark manchmal: Naja, vielleicht in dieser Situation aber schon. Und dann geht plötzlich eine neue Tür auf.

So wie beim Quickie von Rubin und Karow im Tatort Die dritte Haut?

Das ist ja die spannende Frage: War das wirklich etwas Neues? Vielleicht hat das ja auch vorher schon stattgefunden und wir haben es nur nie im Bild gesehen…

Kamen sich schon 2019 im Tatort "Das Leben nach dem Tod" näher: Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke). Bild: rbb/Gordon Mühle

Das ist natürlich möglich. Hast du denn das Gefühl, dass die Figur jetzt langsam auserzählt ist?

Ich glaube, dass das Leben Nina Rubin noch so viel zusetzen könnte, dass sie sich auch weiterhin verändert und es nicht langweilig geworden wäre. Andererseits hat sie ja schon sehr viele Facetten durch die Filme bekommen. Deshalb muss ich jetzt auch was Anderes machen! (lacht)

Gibt es unter euren bisherigen Filmen denn einen, der dir besonders gut gefallen hat?

Ja, den gibt es: Amour Fou von Vanessa Jopp, Kamera Judith Kaufmann, mit Jens Harzer in der Hauptrolle. Den fand ich bisher am schönsten. Das ist ein richtiger Film.

Eine eurer großen Stärken ist in meinen Augen, dass die Filme ihren Schauplatz auch wirklich atmen. In anderen Städten ist das austauschbarer, der Münster-Tatort wird ja zum Beispiel zu großen Teilen in Köln gedreht. Hättest du dir als Mensch, der in West-Berlin aufgewachsen ist, vorstellen können, woanders Tatort-Kommissarin zu werden?

Nein, das wäre nicht infrage gekommen. Das Berliner Lokalkolorit ist mir unheimlich wichtig und ich hätte noch viele Ideen für weitere Geschichten gehabt. Besonders schön an Die Kalten und die Toten finde ich zum Beispiel, dass Torsten Fischer [der Regisseur, Anm. d. Red.] einen guten Draht zur Musik hat, der sich im Film in einer Karaokeszene niederschlägt. Der Tatort wurde im Februar 2021 gedreht, als Françoise Cactus [Sängerin der Berliner Band Stereo Total, Anm. d. Red.] verstorben ist, die ich gut kannte. Deshalb singe ich im Film jetzt den Song "Liebe zu dritt". Das finde ich sehr Berlin und das passt zu diesem Tatort wahnsinnig gut. Solche kleinen Dinge kann man manchmal als Liebeserklärung an die Stadt und seine Leute einbringen.

Einsatz auf der Berlinale: Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) im grandiosen Mindfuck-Krimi "Meta" von 2018. Bild: rbb/Reiner Bajo

In eurem neuen Fall gibt es ja auch einen neuen Assistenten: Malik Aslan, der im Rollstuhl sitzt und von Tan Caglar gespielt wird. Hat Aslan es im Präsidium genauso schwer wie seine Vorgängerin Anna Feil?

Er legt auf jeden Fall einen guten Einstand hin, denn er kann sich ganz gut zur Wehr setzen. Die Kommissare machen auch gleich Party mit ihm in der Karaokebar und Nina Rubin rollt auf seinem Schoß durch die Gegend. Jetzt bin ich selbst gespannt, wie sich das Ganze weiterentwickelt.

Wenn euer neuer Tatort dann am Sonntag ausgestrahlt wird: Schaust du in den sozialen Medien nach, was die Leute über den Film denken?

Das schaue ich mir nicht an. Wenn ich zum Beispiel auf Instagram markiert werde, dann gehe ich kurz gucken, ob ich dazu was sagen oder es liken will. Ich bin aber nicht mehr so brandaktiv, seit ich mal sehr auf den Deckel gekriegt und ein bisschen den Spaß daran verloren habe. Man kriegt dort sehr viel Moral um die Ohren gefegt. Ich nutze solche Kanäle eher, um politische Dinge voranzutreiben, denn das geht dort ja sehr gut – die Tötung von George Floyd zum Beispiel hätte man ohne soziale Medien wahrscheinlich gar nicht mitbekommen. Aber das ist ja letztlich auch ein Spaßportal und mit dem moralischen Rumgekreische tue ich mich schwer. Oder wenn irgendwelche Rechtsextremen meinen, sie könnten einem reinpupsen. Das finde ich mühselig und deshalb bin ich da nicht mehr so aktiv wie früher. Und trotzdem glücklich! (lacht)

In Kürze starten die Dreharbeiten zu deinem letzten Tatort. Was wünscht du Nina Rubin denn für einen Abschied?

Da hab ich was ganz Konkretes im Kopf: Nina Rubin geht mit Tesla-Chef Elon Musk zur Bank, der packt sein ganzes Geld in einen großen Koffer, sie klemmt ihm noch schnell eine Zahnbürste untern Arm und schießt ihn dann mit einer Rakete zum Mars! (lacht)

Und was macht Meret Becker, wenn die letzte Tatort-Klappe gefallen ist? Macht sie dann einen Sekt auf oder verdrückt sie ein paar Tränen?

Wahrscheinlich beides…

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Lars-Christian Daniels