Der Mann, der lügt

Folge: 1071 | 4. November 2018 | Sender: SWR | Regie: Martin Eigler
Bild: SWR/Alexander Kluge
So war der Tatort:

Perspektivisch außergewöhnlich.

Denn Der Mann, der lügt, ist im gleichnamigen Stuttgarter Tatort auch der Mann, dem wir eineinhalb Stunden lang über die Schulter blicken: Regisseur und Drehbuchautor Martin Eigler, der die Geschichte zum Film wie schon beim Dortmunder Meilenstein Sturm mit Sönke Lars Neuwöhner schrieb, wechselt die Erzählperspektive und schildert das Geschehen nicht wie üblich aus der Sicht der Hauptkommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare), sondern aus der Sicht des Hauptverdächtigen.

Nach dem brutalen Mord an dem windigen Anlageberater Uwe Berger fällt der Verdacht auf Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey, Kinderwunsch), der am Vorabend einen Termin mit Berger hatte – und beginnend mit der Eröffnungssequenz weichen wir Gregorowicz in diesem spannenden Krimidrama nicht mehr von der Seite. Vielmehr folgen wir ihm nach Hause zu Ehefrau Katharina (Britta Hammelstein, Fegefeuer) und Tochter Jule (Livia Sophie Magin), zu seinem Zahnarzt Dr. Radu Voica (Daniel Wagner, Level X) und sogar auf den Tennisplatz – und werden im Gegensatz zu den Ermittlern auch früh zum Zeugen seines Doppellebens, von dem seine Familie ebenso wenig ahnt wie sein Anwalt und Schwager Moritz Ullmann (Hans Löw, Es lebe der Tod).

Der Mann, der lügt, hat sich über die Jahre ein gewaltiges Konstrukt aus Lügen aufgebaut – und es ist an Lannert und Bootz, es Schritt für Schritt zum Einsturz zu bringen und sich bei den entnervenden Befragungen nicht entmutigen zu lassen (mehr über die fordernden Dreharbeiten verriet uns Felix Klare im Interview).


GREGOROWICZ:
Das habe ich ja schon gesagt.

BOOTZ:
Ja, das haben Sie dann irgendwann, nach Stunden, beliebt zu sagen. Jetzt sind wir aber bei einem anderen Punkt! Und wenn Sie den letztendlich auch erst in drei oder vier Stunden zugeben, verlieren wir wieder und wieder wertvolle Zeit. Wie seit Tagen schon – einzig und allein, weil Sie lügen!


Die kammerspielartige Sequenz im Stuttgarter Verhörraum erinnert an den gelungenen Berliner Tatort Machtlos, in dem sich die engagierten Kommissare eine halbe Ewigkeit die Zähne an ihrem Gegenüber ausbissen – aber ist Gregorowicz wirklich der Mörder?

Anders als in einem klassischen Whodunit stellt sich im 1071. Tatort weniger die Frage, wer die Tat begangen hat, sondern ob die Tat von ihm begangen wurde. Der starke Fokus auf den charismatischen Verdächtigen ist für die Krimireihe aber gar nicht so ungewöhnlich, wie man meinen sollte: Ähnliche Ansätze gab es zum Beispiel in Haie vor Helgoland, Das Böse oder Der Teufel vom Berg.

Die Konsequenz, mit der die Filmemacher den Perspektivwechsel durchziehen, sucht aber ihresgleichen: Lannert und Bootz reden bei ihrem zehnjährigen Tatort-Jubiläum keinen einzigen (!) Satz miteinander. Die Dialogzeilen der Kommissare beschränken sich auf die Befragung des mutmaßlichen Mörders – damit sind auch Staatsanwältin Emilia Alvarez (Carolina Vera) und die fast wortlose Nika Banovic (Mimi Fiedler), die zum letzten Mal im Tatort aus dem Ländle mit von der Partie ist, nur bessere Statisten.

Auch das TV-Publikum nimmt eine ungewohnte Rolle ein: Es weiß zwar mehr (und zugleich oft weniger) als die Kommissare, deren Kamerazeit sich in der ersten Filmhälfte auf wenige Minuten beschränkt, aber auch nicht so viel wie der undurchsichtige Mordverdächtige selbst, der bei seiner Politik der kleinen Häppchen stets nur das gesteht, was man ihm nachweisen kann. Das erhöht den Reiz bei der Suche nach der Auflösung: Statt die Täterfrage zu früh offenzulegen, installieren die Filmemacher vielsagende Flashbacks und verschwommen illustrierte Tagträume, die wir nicht wirklich durchschauen.

Dass der 22. Fall von Lannert und Bootz trotz kleinerer Spannungstiefs im Mittelteil zu den bis dato besten Tatort-Folgen aus Stuttgart zählt, liegt aber auch an den tollen schauspielerischen Leistungen von Manuel Rubey und seiner Leinwandpartnerin Britta Hammelstein: Während Rubey seine von Finanznot, Kripo und betrogener Gattin getriebene Figur facettenreich mit Leben füllt, glänzt Hammelstein beim emotionalen Streit im Hause Gregorowicz, in dem mehr im Argen liegt, als man anfangs für möglich halten sollte.

Etwas kurz kommen mit Frank Schacht (Robert Schupp, Zeit der Frösche), Detlef Schönfliess (Marc Fischer) und Armin Gross (Holger Daemgen, Wahre Liebe) zwar die Freunde der Familie, doch ist auch das dem strikten Fokus auf die Schlüsselfigur geschuldet: Ob Der Mann, der lügt, auch der Mann ist, der mordet, bleibt bis zum Schluss offen.

Ob es die erklärenden Texttafeln da noch gebraucht hätte, darf jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden.

Bewertung: 8/10

Kommentare:

  1. Langweilig und langatmig.
    Leider nicht sehr spannend. Schauspielerische Leistung von den beiden Kommissaren gut.

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  2. Schöne Rezession, danke.

    Welche Logikfehler auch immer noch zu finden sein mögen, sie nerven zumindest nicht zu sehr. Und unterm Strich fand ich den Tatort erstaunlich spannend, rein Handwerklich gut gemacht mit eindinglicher Bildesprache (klar ist so 'ne Puppe auf mehreren Ebenen Bullshit, aber sie sah trotzdem stark aus und visualisierte recht anschaulich das Eindringen in die Privatsphäre) und weitgehend überzeugenden Schauspielern. Was eben durch den Kontrast zu der einen wirklich schlechten Rolle (Louis) umso deutlicher wurde.

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