Pumpen

Folge: 1136 | 6. September 2020 | Sender: ORF | Regie: Andreas Kopriva
Bild: ARD Degeto/ORF/Allegro Film/Hubert Mican
So war der Tatort:

Anabol.

Denn die BKA-Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) verschlägt es in Pumpen an einen Ort, an dem von morgens bis abends gepumpt wird und an dem in der Umkleide fleißig anabole Steroide geschluckt werden: in ein Wiener Fitnessstudio.

Ein muskulöser Mann, der dort Stammgast war, liegt einleitend tot auf den Bahngleisen – und es dauert nicht lang, bis die Kommissare mit Unterstützung von Professor Werner Kreindl (Günter Franzmeier) und Assistent Manfred "Fredo" Schimpf (Thomas Stipsits) einen Selbstmord ausschließen können. Den Mörder gilt es in der Muckibude zu finden.

Die Drehbuchautoren Robert Buchschwenter und Karin Lomot (einst Regieassistentin bei Lohn der Arbeit), haben für den Tatort-Auftakt in die zweite Jahreshälfte 2020 einen klassischen Whodunit konzipiert und setzen im Hinblick auf die Figuren auf einen ähnlichen Kniff wie ihre Kollegen im Tatort Wehrlos: Sidekick Fredo, sonst eher für seinen eigenwilligen Humor und seine Fleißarbeit im Präsidium bekannt, darf ein weiteres Mal raus an die Front.

Ein ebenso spannender wie humorvoller Handlungsstrang, der eindeutig das Highlight im starken Mittelteil des Krimis ist: Fredo schreibt sich in Undercover-Mission in "Arnis Fitnessstudio" ein, flirtet dort mit der kecken Thekenkraft Susi (Michaela Schausberger) – und später mit den Schwestern auf der Krankenstation.

Statt eines stattlichen Bizeps und eines knackigen Waschbrettbauchs bescheren die Trainingseinheiten Fredo nämlich eine gebrochene Nase und saftige Blutergüsse  – willkommen ist der  untrainierte Schnüffler bei den hünenhaften Muskelpaketen nicht.


SCHIMPF:
Hätten Sie vielleicht einen Tipp für mich, wie man das Ganze a bissl beschleunigen könnt'? Mit Muskeln und so?

BODYBUILDER:
In deinem Fall: neu geboren werden.


Regisseur Andreas Kopriva, der zum ersten Mal für die Krimireihe am Ruder sitzt, hat einen typischen Wiener Tatort des Jahres 2020 inszeniert: Das Ermittlerquartett um Moritz Eisner, Bibi Fellner, Fredo Schimpf und Sektionschef Ernst Rauter (Hubert Kramar) harmoniert prächtig und zeigt dabei selten Verschleißerscheinungen, wie sie oft im Tatort aus Münster, im Tatort aus Ludwigshafen oder im Tatort aus Köln zu beobachten sind.

Von der Klasse früherer Tage – wir denken an den Meilenstein Kein Entkommen oder tolle Folgen wie Ausgelöscht – ist man zwar nach wie vor ein gutes Stück entfernt, doch wirkt Pumpen wie die meisten Tatorte mit Eisner und Fellner aus einem Guss und nur selten aufgesetzt. Etwa dann, wenn die BKA-Kommissarin von ihren Streifenkollegen nackt in der Wohnung ihres neuen Lovers Franz Heiss (Christoph Kail) überrascht wird und ihn anschließend hartnäckig am Telefon versetzt.

Ansonsten setzen die Filmemacher auf die üblichen Motive der Wiener Tatort-Folgen: Organisierte Kriminalität mit Verstrickungen nach Südosteuropa, James-Bond-Anleihen wie in Deckname Kidon, Verfolgungsjagden zu Fuß, köstlich subtile Situationskomik (Stichwort: Smartphone, Stichwort: Blumenvase) und routinierte Befragungen, die einmal mehr so originell vorgetragen werden, dass sich von Minute 1 bis 90 kaum Leerlauf einschleicht. Dass Inkasso-Heinzi (Simon Schwarz) im 1136. Tatort fehlt, macht sich kaum bemerkbar.

Beim Blick auf die Nebenfiguren offenbaren sich allerdings Schwächen: Die finsteren Bodybuilder sind austauschbare Abziehbilder, während Empfangsdame Susi und Studiochef Arnie (Victor Krüger) plumpe Klischees auf zwei Beinen sind. Umso stärker präsentieren sich die Hauptdarsteller und Hauptfiguren: Publikumsliebling Adele Neuhauser brilliert in ihrer Paraderolle bei einer rührenden Sequenz auf der Zielgeraden des Films, während Eisner einem ausländerfeindlichen Taxifahrer Kontra gibt. Gut so.

Mit dem früheren Kollegen und jetzigen Kaufhausdetektiv Rainer Kovacs (Anton Noori) trifft der Kommissar wie bereits im Wiener Vorgänger Baum fällt auch einen alten Bekannten: Wer nicht zum ersten Mal einen Tatort schaut, weiß im Hinblick auf die Auflösung früh die richtigen Schlüsse zu ziehen. Dennoch bleibt die Antwort auf die Täterfrage bis zum Schluss offen – liest sich aber ein wenig vorhersehbar und ziemlich konstruiert.

Für dialektscheue Zuschauer ist Pumpen im Übrigen einmal mehr eine Geduldsprobe: Die authentisch-markigen Dialoge (man vergleiche sie etwa mit der furchtbaren Synchronisation der Tatort-Folgen aus Luzern) sind ähnlich wie in Her mit der Marie! mit so viel Wiener Schmäh durchsetzt, dass selbst geschulte Ohren nicht jedes Wort verstehen dürften.

Bewertung: 6/10

Rezension der vorherigen Folge: Kritik zum Tatort "Lass den Mond am Himmel stehn"

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