Die Amme

Folge: 1161 | 28. März 2021 | Sender: ORF | Regie: Christopher Schier
Bild: ORF/Prisma Film
So war der Tatort:

Fürs österreichische Fernsehpublikum vorgezogen.

Denn anders als in Deutschland feiert der 50. Fall von Sonderermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), der bei seinem Jubiläum zum 28. mal mit Major Bibi Fellner (Adele Neuhauser) auf Täterfang geht, seine Premiere im ORF2 nicht am 28. März 2021, sondern schon zwei Sonntage früher (die ARD zeigte am 14. März stattdessen den großartigen Rostocker Polizeiruf 110 Sabine). Das längere Warten hierzulande hat sich aber gelohnt – denn Die Amme zählt mit zum Gruseligsten, was der Tatort in seiner über 50-jährigen Geschichte hervorgebracht hat.

Die Gefahr, von unseren österreichischen Nachbarn im Hinblick auf die Auflösung des Krimis gespoilert zu werden, besteht für deutsche Zuschauer ohnehin nicht: Drehbuchautor Mike Majzen, der zum ersten Mal ein Skript für die Krimireihe geschrieben hat, verzichtet auf das klassische Whodunit-Prinzip und beantwortet die Frage, wer die Prostituierte Jana Gruber (Susi Ramberger) ermordet und ihren Sohn Samuel (Eric Emsenhuber) entführt hat, bereits nach wenigen Minuten.

Beim Mörder und Entführer handelt es sich um den alleinstehenden Janko (furchteinflößend: Tatort-Debütant Max Mayer), der als kleiner Bub schlecht von seiner Mutter behandelt wurde – und der es sich nun zur Aufgabe macht, in der Anonymität der riesigen Wiener Wohnblocks Mütter aus dem horizontalen Gewerbe ins Jenseits zu befördern und deren Kinder als titelgebende Amme bei sich einzuquartieren.

Wir blicken tief in die Abgründe seines Daseins, werden Zeuge von bitterbösem Sadismus (Stichwort: Schokolade) und vielen seelischen Grausamkeiten. Dabei bedienen sich die Filmemacher bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde, Joker und Roter Drache, lassen den Bösewicht regelmäßig sein Aussehen wechseln und konfrontieren uns gezielt mit unseren Urängsten. Was es für einen 10-Jährigen bedeuten muss, von einem cracksüchtigen Transvestiten (die vermeintlich transphobe Darstellung brachte dem in der Presse vielgelobten Film auch Kritik ein) um die eigene Mutter gebracht und in einer Bruchbude ans Bett gekettet zu werden, mögen wir uns nicht einmal in unseren kühnsten Alpträumen ausmalen.


SAMUEL:
Wo ist meine Mama?

JANKO:
Ich bin deine Mama.


Regisseur Christopher Schier, der zuletzt den starken Münchner Tatort Lass den Mond am Himmel stehn arrangierte, lässt einen psychischen kranken Einzelgänger Kinder fangen, verzichtet aber auf ein Psychogramm und macht bei seiner Inszenierung keine Gefangenen. Er entspinnt ein zutiefst beklemmendes Szenario, jagt uns im Laufe der knapp 90 Minuten Dutzende Schauer über den Rücken und lässt den ahnungslosen Eisner in einem düsteren Durchgang auf Janko treffen, ohne dass der Ermittler um dessen Identität weiß. Eine unheimlich intensive Szene – und sie bleibt bei weitem nicht die einzige.

Ist Janko allein mit sich, seinem Wahnsinn und den gekidnappten Kids, werden auch Erinnerungen an Alfred Hitchcocks Suspense-Meisterwerk Psycho wach: Wenn der Mörder mit seiner Perücke vor dem Spiegel steht, für Bruchteile das Antlitz seiner schreienden Mutter in seinem Gesicht aufflackert oder die verängstigten Jungen seine (w)irren Selbstgespräche belauschen, hat das was von Norman Bates – und wenig von den 08/15-Tätern, die wir im Tatort sonst zu sehen bekommen. Der Star des Films ist Max Mayer in seiner Episodenhauptrolle – eine absolut denkwürdige Performance, die den Vergleich mit berühmten Tatort-Antagonisten wie Kai Korthals (Lars Eidinger) nicht zu scheuen braucht.

Die Ermittlungen sind zwar selten die Antriebsfeder des herausragenden Thrillers, aber das stört nicht im Geringsten. Auch kleinere logische Schwächen und die Tatsache, dass Kommissar Zufall auf der Zielgeraden ins Geschehen eingreift, sind angesichts des immens hohen Unterhaltungswerts dieser fesselnden Tatort-Folge zu verschmerzen. Mit Assistentin Meret Schande (Christina Scherrer, Schock) feiert die Nachfolgerin von Manfred "Fredo" Schimpf bei ihrem zweiten Tatort-Einsatz ihre Feuertaufe an der Seite von Eisner und Fellner – es ist angesichts der elektrisierenden Szenen und dem dramatischen Finale nur eine Randnotiz.

Während die steile Spannungskurve, die zahlreichen Horror-Elemente und das düstere Setting auch an den Dresdner Tatort Parasomnia von 2020 erinnern, erlebt Fellner im 1161. Tatort ihre persönliche Insomnia: Sie leidet an hartnäckiger Schlaflosigkeit, aus der sie selbst Eisners CD mit Meeresrauschen nicht befreit. Ein wenig überstrapaziert wird dieser Handlungsstrang schon, doch nachdem Eisner auf dem Krankenhausflur sogar Tränen vergießt, gipfelt er im vielleicht rührendsten Moment, den es im Wiener Tatort jemals gab – ehe Fellner endlich die Augen schließen und auch den Zuschauer, der (zumindest in der ORF-Version!) auf die obligatorische Abspannmusik verzichten muss, mit sanften Atemgeräuschen in die Nacht entlassen darf.


EISNER:
Schön, dass es dich gibt.


Bewertung: 9/10


📝 So war der letzte Tatort: Kritik zum Tatort "Wie alle anderen auch"

Kommentare:

  1. Viel zu langweilig!!passiert null,schade,sonst waren wenigstens die Wiener gut,mit dem tatort geht's total bergab,schauen nur noch 30% und bald keine mehr

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Also für uns war der Tatort spannend und gut, 9 von 10 Pkt.
      Wenn ich bedenke welche "künstlerische Freiheit" sonst so angeboten wird, weit Weg von krimminalistischer Spannung. Verwöhnt wird man schon lange nicht mehr von öffentlich-rechtlich!

      Löschen
    2. Wir waren auch begeistert. Endlich mal wieder ein spannender Tatort

      Löschen
  2. Die Handlung nicht schlecht,die Umsetzung ein Fiasko.
    Die Österreicher sollten mal richtig sprechen lernen statt sich alles in den Bart zu nuscheln. Nur furchtbar.

    AntwortenLöschen
  3. Unglaublich schlecht, keine Story, abstruse Charaktere, völlig sinnfrei und grottenlangweilig. Schlimmer geht's nicht!

    AntwortenLöschen
  4. Absolut Klasse! Dunkel und Abgründen,ein Tatort zum Fürchten.

    AntwortenLöschen
  5. Der verdammt beste Tatort den ich seit Jahren gesehen habe. Nicht unnötig Übertrieben, sehr spannend und sehr unterhaltsam. Gerne mehr da von. Der Ösi Tatort setzt ein Meilenstein.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Für mich wieder ein schlechter Tatort. Nicht unbedingt die Story, sondern mal wieder die Tatortermittler. Eisner fragt den angeblichen Ermittler aus Graz nach der Dienstnummer und nicht nach dem Namen, einfach blöd und unprofessionell. Als man die mögliche Wohnung des Täters in einem größeren Mehrfamilienhaus findet, wartet man nicht auf Verstärkung und geht alleine ins Haus. Noch schlimmer, man trennt sich auch noch. Bibi wird überwältigt und schwer verletzt. Das war Moritz schuld. Was auch stört, ist der unfreundliche Umgang der Kollegen untereinander. Z.B. Bibi beläuft die Kollegen an, die den Zeugen überwachen. Auch der Chef der Ermittler ist unmöglich. Leide werden so viele Krimis versaut, auch wenn die Storys der Krimis nicht schlecht sind.

      Löschen
  6. bester Tatort! Mega gut!! Love Frau Neuhauser ! 🙏

    AntwortenLöschen
  7. Entgegen den Lobeshymnen in der Presse fand ich die Story absolut konstruiert, den Ablauf stinklangweilig!

    AntwortenLöschen
  8. Endlich mal wieder ein spannender,super gespielter Tatort. Die beiden Österreicher sind die BESTEN! Ich hoffe, dass es noch ganz viele Tatort Filme von Ihnen gibt.

    AntwortenLöschen
  9. Total fesselnd. Saß da wie bei einem Gruselfilm mit Hand vor den Augen. Konnte manche Szenen kaum ertragen. Sagenhaft gespielt vom Neuling Max Meyer.

    AntwortenLöschen
  10. OK, endlich kein Bildungsfernsehen, und nicht der Gärtner ist der Mörder, sondern der Polizist. Aber warum, wer war er, wieso fliegt ein Crack Junkie Monaten lang nicht auf? Null Antwort, null Glaubwürdigkeit. Spannung nur in den letzten 5 Minuten. Kein Hauch von Psycho oder vom Schweigen der Lämmer. 5 von 10 Punkten

    AntwortenLöschen
  11. Gute und ehrliche Story, nichts ist übertrieben, Bibbi und Moritz ein perfektes Paar. Die Wiener wie immer nicht nur gut, sondern heute sehr gut...

    AntwortenLöschen
  12. Sooo spannend wie angekündigt war der Tatort nicht. Er hatte zu viele Längen, teilweise sehr unprofessionell . Aus dem Stoff hätte man mehr machen können. Und am Ende sind noch viele Fragen offen. Schade

    AntwortenLöschen
  13. Ich mag sehr Moritz und Bubi. Dieser Tatort war für mich persönlich der schlechteste, langweilig und diese Geschichte mit dem "verdecken Vermittler" unglaubwürdig.

    AntwortenLöschen
  14. toller Tatort, der beste seid langem, tolle Darsteller, klasse. Danke❤

    AntwortenLöschen
  15. Erst dachten wir auch, langweilig. Aber dann war er so spannend. Und hat uns sehr zum Nachdenken gebracht. Er machte auch traurig, was aus Menschen durch Drogen werden kann. Und die Schlaflosigkeit, da konnte ich so mitfühlen.

    AntwortenLöschen
  16. Klasse Tatort, wie immer enttäuschen Moritz und Bibi nicht. Für den Fall hätte ich mir fast einen Zweiteiler mit Cliffhanger gewünscht, denn das Ende kam dann leider etwas überhastet daher. Bis kurz vor 21:30 Uhr tappten die Ermittler nämlich noch vollkommen im Dunkeln. Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau. Max Mayer lieferte eine Hammer-Performance ab, da lief es mir eiskalt den Rücken runter!

    AntwortenLöschen
  17. Ich sehe den Wiener Tatort seit Jahren immer wieder gern. Gestern fiel er jedoch stark ab! - war viel zu emotional überladen.

    AntwortenLöschen
  18. Endlich, endlich, endlich keine Kommissare, die ihre ellenlangen privaten Probleme mit in die Story nehmen müssen. (Okay, Bibi kann nicht schlafen, aber das Nachtwandeln zahlt am Ende ja noch in die Ermittlung mit ein; die dealende Informantin gibt den entscheidenden Tipp.)

    Und wunderbar politisch (angeblich) inkorrekt dazu, weil sie sich bei „ZEIT online“ schon drüber streiten, ob ein als Frau verkleideter Mann die Angst vor Trans-Menschen weiter schüren würde. (Herrlich, bald dürfen nur noch Tatorte mit Teletubbies als Mörder/_*Inn-en_Auß-en_w_m_d gedreht werden.)

    Schon allein, dass sehr viele der Zuschauer sich gegruselt und mit den Kindern gefühlt haben – wann kam das bitte mal vor in den letzten Jahren? Wann haben Figuren oder Handlungen uns wirklich mitgerissen und schockiert? Mir fällt höchstens Kiel ein mit den „Stillen Gast“ Eidinger – und der flirrend-französisch angehauchte Schwarzwald-Tatort „Für immer und dich“ von 2019.

    Zurück nach Wien: Ein Old-School-Tatort, der fast auch in den 1970ern oder 1980ern hätte gedreht werden können, aber dennoch nicht altmodisch daherkommt. Spannend, dicht, atmosphärisch; wir fanden, er hatte den richtigen Thrill. DANKE, Wien. (Auch wenn ich meinem Liebsten jeden zweiten Satz übersetzen musste.)

    AntwortenLöschen
  19. Lange Rede, kurzer Sinn .......
    Einfach nur KLASSE!

    AntwortenLöschen
  20. Hervorragend, spannend bis zum Schluss
    Bibi und Moritz sind eins der besten Teams der Krimireihe.

    AntwortenLöschen