Neugeboren

Folge: 1169 | 24. Mai 2021 | Sender: Radio Bremen | Regie: Barbara Kulcsar
Bild: Radio Bremen/Christine Schroeder
So war der Tatort:

Wie neugeboren – und doch gibt es beim ersten Bremer Tatort nach der laaangen Ära von Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) mit Blick auf das neu aus der Taufe gehobene Team ein doppeltes Wiedersehen.

Da ist zum einen Luise Wolfram, die seit ihrem Debüt in Der hundertste Affe von 2016 bereits fünf Mal als BKA-Ermittlerin Linda Selb mit Lürsen und Stedefreund auf Täterfang gehen und dem Kommissar den Kopf verdrehen durfte: In Neugeboren ist die selb(st)bewusste Selb deutlich stärker in den Kriminalfall um den vermeintlichen Suizid eines Drogendealers und ein verschwundenes Baby involviert als bisher und bleibt zukünftig fester Bestandteil des Ermittlertrios.

Und da ist der dänische Superstar Dar Salim, der sich 2014 mit einem starken Auftritt als finsterer Clanchef im grandiosen Bremer Tatort Brüder ins Gedächtnis der Zuschauer brannte: Salim wechselt bei seinem zweiten Auftritt auf die Seite der Gesetzes und spielt den skandinavischen Kollegen Mads Andersen, der mit einer Schachtel Abschiedsdonuts in der Hand eigentlich schon auf der Abreise nach Kopenhagen ist.

Ein echter Frischling an der Weser ist hingegen Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer, Land in dieser Zeit): Statt ihr geplantes Vorstellungsgespräch bei der Bremer "MoKo" durchzuführen, schickt Kommissariatsleiter Rolf Harmsen (Christian Aumer, Kaltstart) die hartnäckige Polizistin aus Bremerhaven mit Andersen zum Fundort der Leiche, an dem die beiden bei klirrender Kälte auf Selb treffen und bei der Analyse direkt zum "Du" übergehen.

Zumindest fast.


MOORMANN:
Liv.

ANDERSEN:
Mads.

SELB:
Selb.


Wenngleich die Zuschauer das neue Trio bereits in der grandiosen Mockumentary How to Tatort kennenlernen durften, steht Drehbuchautor Christian Jeltsch (Krieg im Kopf) vor einer Herkulesaufgabe: In knapp 90 Minuten müssen nicht nur Spannungsmomente und ein tiefgründiger Kriminalfall, sondern auch Wiedererkennungsmerkmale für die Hauptfiguren her, wollen sie bei über zwanzig Tatort-Teams und nur zwei Bremer Fällen pro Jahr in Erinnerung bleiben. Vor allem die dritte Aufgabe meistert er mit Bravour.

Selb ist dieselbe wie zu Stedefreund-Zeiten, sie stiehlt mit köstlichen One-Linern, Spitznamen wie Minnie Mouse und ihrer unverwechselbar direkten Art reihenweise Szenen. Die Minuten mit ihr sind ein Fest. Andersen bleibt schon durch seinen Akzent in Erinnerung, doch seine Hauptfigur ist auch die spannendste, weil sie dank ihrer nebulösen Vorgeschichte etwas Geheimnisvolles umweht. Die nassforsche und denkbar unpassend gekleidete Moormann wiederum ist Jasna Fritzi Bauer, die trotz ihrer Schweizer Wurzeln norddeutschen Dialekt spricht, wie auf den Leib geschrieben.

Anders als etwa im Saarbrücker Erstling Das fleißige Lieschen, der gut ein Jahr zuvor auf Sendung ging, wird der Kriminalfall auch selten von der Einführung der Figuren erdrückt: Die Geschichte um den toten Dealer und den verschwundenen Säugling von Sophie Völkers (Morgane Ferru, Der Wüstensohn) ist angemessen übersichtlich arrangiert; sie konzentriert sich fast nur auf einen sozialen Brennpunkt Bremens und dessen Peripherie. Zudem spielt Neugeboren in sportlichen fünfzehn Stunden – beginnend mit Moormanns Ankunft und endend mit Andersens Mitternachtszug.

Die einfache Struktur und der starke Fokus auf Moormann & Co. bergen aber auch eine starke Vorsehbarkeit und gehen zulasten der Nebenfiguren: Was es etwa mit dem Baby von Jessica Stiehler (Johanna Polley, mimte vier Wochen zuvor die Mörderin im Schwarzwald-Tatort Was wir erben) auf sich hat, ist nach Minuten zu erahnen. Der frühere Werder-Kicker Rudi Stiehler (André Szymanski, Klingelingeling), der neben Fan-Utensilien auch ein Foto mit Trainerlegende Thomas Schaaf in seiner Wohnung stehen hat, gerät hingegen ebenso holzschnittartig wie sein Sohn Marco (Gustav Schmidt) und dessen kleinkriminelle Kumpels Lenny (Nikolay Sidorenko) und Tim Mauerer (Bruno Alexander, Borowski und die Kinder von Gaarden).

Unter Regie von Barbara Kulcsar (Rebland) ist aus der 1169. Tatort-Folge dennoch eine überzeugende geworden, die immer dahin geht, wo's weh tut: Mit stimmungsvollen Beathoavenz-Klängen und tristen Novemberbildern entführt sie uns mit wackeligen Handkamerabildern schonungslos in die Tristesse, die den Alltag der Tatverdächtigen prägt. Sozialkritische Themen haben Bremen schon immer gut zu Gesicht gestanden (vgl. Im toten Winkel) – und wenn es nach Luise Wolfram und Jasna Fritzi Bauer geht, darf es damit auch gern so weitergehen (mehr dazu in unserem Interview mit dem Bremer Tatort-Team).

Bewertung: 6/10


📝 So war der Vorgänger: Kritik zum Franken-Tatort "Wo ist Mike?"

Kommentare:

  1. Genau so schlecht wie Werder Bremen!

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    1. Dann ist ja gut - Werder ist nämlich keineswegs schlecht.
      Und der neue Tatort auch - Dialoge, die zum Nachdenken anregen, ein erfrischendes Trio - uns hat es gut gefallen, wir freuen uns auf mehr frischen Wind aus dem Norden!

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    2. Ich fand ihn auch erfrischend und kurzweilig. Das etwas "schräge" Trio gefällt mir. Ich freue mich schon auf den nächsten Tatort aus Bremen.

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  2. Furchtbarste Tatort aller Zeiten.

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  3. Die Kameraführung ist einfach nur eine Katastrophe und versaut den ganzen Film.

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  4. Nach 50 Minuten und das schon viel zu spät abgeschaltet. Schade um die Zeit!!!!!

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  5. Die Dialoge noch schlimmer.

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  6. Im Vergleich zu vielen anderen Tatort Sendungen, mal wieder einer in der die Kommissare nicht irgendwelche persönliche Psychosch.. Am Hals haben. Schauspieler fand ich gut.
    Drehbuch, naja in wirklich jedem Krimi in der ein Neuer dazukommt, muss er immer gleich voll ran. In diesem eine Sie. Sie rennt dann mit ihren hellen Klamotten dann auch von Morgens bis Nachts herum... Von close reality hat der Autor oder Regisseur nichts gehört, eher Tales from... Das zieht sich durch so viele Filme. Liegt das an knappen Budgets das es keinen Controller dafür gibt, wenigstens etwas Realität Einzug halten zu lassen. Das wirkt immer öfter unglaubwürdig.
    Freue mich dennoch auf einen neuen Bremer Tatort. Frage mich nur ob der eine Kommissar nun weitermacht oder nach Dänemark geht... Bitte nicht spoilern.

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  7. Bei der Kameraführung wurde man seekrank. Die Kommissare sind top.
    Geschichte lässt zu wünschen übrig.

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  8. Super Schauspieler,gut gemacht!Weiter so...

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  9. 1/10 fast eine Qual anzusehen

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  10. Schade um die Zeit. „Klick! Aus!“ prima.

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  11. kaum zu glauben, es sei ein Tatort! auch gestern war es nicht besser.

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  12. Mal was anderes. Die Kameraführung ist eigentlich nichts neues mehr. Deshalb habe ich gar nicht gemerkt was einige ansprechen. Die Charaktere sind super. Das Drehbuch war ok. Deshalb 7/10 Tendenz aber nach oben

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  13. Kameraführung (bewegte Bilder) Katastrophe, schrecklich, anschauen unmöglich...
    Schauspieler top...

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  14. Hervorragend gespielt von Luise, Fritzi und Dar. Chapeau!! Mehr davon

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  15. Mir hats gefallen. Dieses Team bietet Potential für gute Tatorte.
    Diese Story ein wenig bemüht. Und bitte neue Klamotten fur Jana Fritzi bauer.
    Vin mir auch 6/10

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  16. Von mir mit viel goodwill ein 4/10. Hatte mir deutlich mehr erhofft.

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  17. Die kameraführung war schrecklich...ständig dieses gewickelt.. mir wurde schwindlig ...
    Ansonsten fand ich ihn gar nicht so schlecht...Dialoge allerdings ganz schön überzogen... ich hoffe beim nächsten Bremer tatort hält jemand die Kamera fest... :-/

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  18. Wenn schon so ein Wackelbild imitieren dann auch bitte in der zugehörigen Pal VCD Auflösung 352 x 288 mit Flimmern sonst passt das nicht zusammen. Totaler Nerv tötender Unsinn!

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  19. Mir hat der Tatort super gut gefallen! Frisch, tolle Dialoge, hat Spaß gemacht die drei etwas schrägen Typen kennenzulernen. Freue mich auf den nächsten Tatort aus Bremen.

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  20. Erfrischendes neues Team, spannend aber ganz schreckliche Kameraführung

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  21. Nach der sehr originellen und unterhaltsamen Mockumentary hatte ich große Erwartungen in Hinblick auf den neuen Bremer Tatort. Leider wurde ich bitter enttäuscht.
    Die Einführung der Figuren ist in diesem missglückten Tatort noch am ehesten gelungen, obwohl dieses Team leider recht blass und austauschbar bleibt - anders als etwa in Saarbrücken, nach dessen Erstling ich unbedingt wissen wollte, wie es mit den Kommissaren nun weiter geht. Was Moormann angeht, ich finde sie leider genauso nervig wie ihr Chef, nur leider muss ich sie 90 Minuten lang ertragen. Wenn das Einprägsamste im Hinblick auf Andersen sein Akzent ist, wie nahezu allen Kritiken zu entnehmen ist, dann ist ordentlich etwas schief gelaufen. Selb ist mit Abstand am Amüsantesten, aber auch hier gibt es Ungereimtheiten. Warum sie etwa in einer Szene weint, ist mir bei ihrem Charakter ein Rätsel.
    Aber noch viel schlimmer ist das Drehbuch, das nicht nur eine unglaublich träge, monotone und vorhersehbare Story liefert, da sich die Kommissar_innen einfach nur von Vernehmung zu Vernehmung hangeln, sondern auch mit gleich mehreren Logiklöchern aufwartet. Wie kann es etwa sein, dass eine Frau, die gerade eine Totgeburt zu Hause überstanden hat, herumspaziert als wäre nichts gewesen? Und wer auf dieser Welt dachte, dass es eine gute Idee ist, dieser unheimlich trostlosen Geschichte mit einem Kommissar, der unnötigerweise auf ein fahrendes Auto springt, wenigstens ein bisschen Leben einzuhauchen und dafür mal schnell zu ignorieren, dass dies gegen alle Vernunft geht?!
    Nicht zuletzt ist da die Kameraführung, die dieses Trauerspiel noch anstrengender macht als es sowieso schon ist.
    Ich würde dem Bremer Einstandstatort wirklich mehr wünschen, aber leider war das für mich ein Totalausfall (1/10 Punkte), da hier wirklich fast gar nichts stimmt. Ich frage mich wirklich, wie man hier die gleiche Wertung vergeben kann wie in so tollen Filmen (die zugegebenermaßen einige kleinere Schwächen haben) wie "Du allein" aus Stuttgart oder "Wo ist Mike?" aus Bamberg, der eine Woche zuvor gezeigt wurde.

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    1. Die Gründe für die Wertung stehen ja ausführlich formuliert im Text. Man mag über den Film unterschiedlicher Meinung sein, aber auf Augenhöhe mit Totalausfällen wie "Ein Hauch von Hollywood", "Babbeldasch" oder "Eine Handvoll Paradies" sehe ich ihn nicht.

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  22. Sie haben natürlich recht, jeder darf über den Film denken, was er will. Ich entschuldige mich daher für die letzte Bemerkung.
    Für mich war die Kameraführung (sei sie auch so gewollt) so anstrengend, dass ich den Film als fast so nervtötend wie zum Beispiel "Babbeldasch" empfinde.

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