Die Ferien des Monsieur Murot

Folge: 1145 | 22. November 2020 | Sender: HR | Regie: Grzegorz Muskala
Bild: HR/Bettina Müller

So war der Tatort:

Inspiriert von Jaques Tati und Edgar Allan Poe.

Denn Die Ferien des Monsieur Murot ist zwar vordergründig eine Hommage an Jaques Tatis heitere Sommerkomödie Die Ferien des Monsieur Hulot von 1953 – doch ähnelt die Grundidee der neunten Tatort-Folge mit LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) eher Erich Kästners Das doppelte Lottchen und einer Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe, die 1968 im Episodenfilm Außergewöhnliche Geschichten den Weg auf Zelluloid fand.

Nicht von ungefähr liegt in der zweiten Einstellung des Krimis ein William Wilson-Buch auf Murots Schreibtisch: Regisseur Grzegorz Muskala, der mit Ben Braeunlich (Borowski und das Land zwischen den Meeren) auch das Drehbuch zu seinem ersten Tatort geschrieben hat, erzählt eine reizvolle Doppelgänger-Story, wie wir sie im Kino auch aus John Woos Action-Reißer Face/Off, Sean Ellis' Psychothriller The Broken oder Christopher Nolans Meisterwerk Prestige kennen.

Aber auch die Fans von Monsieur Hulot erleben so manches Déjà-vu: Murot spannt im Taunus ein paar Tage aus – und auf der Hotelanlage stellen die Filmemacher zu den Klängen von Alain Romans' Originalmusik unter anderem das legendäre Tennismatch nach. Hulots spezielle Aufschlagtechnik ist auch für Murot der Schlüssel zu Spiel, Satz und Sieg.

Der 1145. Tatort erschöpft sich aber nicht im Kopieren von Vorbildern – und das spricht sehr für das Konzept des Hessischen Rundfunks, der bereits in den großartigen Vorgängern Angriff auf Wache 08, Im Schmerz geboren oder Das Dorf viele filmische Querverweise platzierte. Die Ferien des Monsieur Murot ist auch ein spannender und pfiffiger Sommerkrimi, bei dem der Kommissar gewissermaßen undercover ermittelt.

Als Murot seiner daheim gebliebenen Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp) auf der Hotelterrasse eine Ansichtskarte schreibt, begegnet er nämlich dem Autohändler Walter Boenfeld (Ulrich Tukur in einer Doppelrolle), der sein Zwillingsbruder sein könnte – und nach einem großen Hallo und mindestens drei Flaschen Wein tauschen die beiden spontan ihre Rollen. Dumm nur, dass Boenfeld in Murots Sommeranzug (samt Ausweis in der Tasche) von einem Auto totgefahren wird – und Wächter ihren vermeintlich ermordeten Chef in der Gerichtsmedizin identifizieren muss.


WÄCHTER:
Mir kommt er so fremd vor.


Nach diesem Todesfall, der an die Morde im Bremer Tatort Nachtsicht von 2017 erinnert, ist es am echten Murot, seinen eigenen Mörder zu fassen – und was im Anschluss folgt, ist ein Verwirr- und Verwechselspiel der unterhaltsamsten Art. 

Das liegt neben dem wendungsreichen Drehbuch auch an der herausragenden Darbietung von Ulrich Tukur, der seinen ganzen Facettenreichtum in die Waagschale wirft: Der Hauptdarsteller switcht mühelos zwischen dem verschmitzt-irritierten Polizisten, dem quirlig-extrovertierten Autohändler und dem leidenschaftlichen Junggesellen, der ein Auge auf die psychisch labile Gattin seines verstorbenen Doppelgängers geworfen hat. Ganz großes Kino. 

Eingefleischten Fans der Krimireihe dürfte das Wechselspiel, das sich bei Traumsequenzen in der Sauna und vorm Badezimmerspiegel fortsetzt, bekannt vorkommen: Im grandiosen Film-im-Film-Experiment Wer bin ich? begegnete die Figur Murot bereits dem Schauspieler Tukur – und täuschend echte Doppelgänger gab es zuletzt 2019 in Spieglein, Spieglein.

Anders als der wenig originelle Beitrag aus Münster langweilt Die Ferien des Monsieur Murot aber zu keiner Minute, weil die Spannung gleich von drei Fragen am Leben erhalten wird: Wer hat Autohändler Boenfeld kaltblütig ermordet? War es seine verhasste Frau Monika (stark: Anne Ratte-Polle, Narben), mit der Murot vorübergehend Haushalt und Bett teilt, oder hat sie etwas Anderes zu verbergen? Und wird Murots Tarnung auffliegen?

Der Weg zu den Antworten ist gesäumt mit brenzligen Momenten, köstlicher Situationskomik und überraschenden Enthüllungen, die Murot bei seinen heimlichen Recherchen zutage fördert. Beim Grillabend mit den undurchsichtigen Nachbarn Birgit (Carina Wiese, Das perfekte Verbrechen) und Peter Lessing (Thorsten Merten, spielt Kripochef Kurt Stich im Weimarer Tatort) muss der Kommissar erstmalig Farbe bekennen – und das bereits erwähnte Tennismatch lässt erahnen, dass auch in der Ehe der Lessings viel im Argen liegt.

Den ganz großen Clou gibt es in diesem Tatort aber nicht – an manch anderes Krimi-Meisterwerk aus Hessen reicht der toll fotografierte Film damit unterm Strich nicht ganz heran. Auch echten Thrill, wie ihn der Zuschauer eine Woche zuvor im Horror-Tatort Parasomnia aushalten musste, sucht man vergebens. Und dass experimentierscheue Krimi-Puristen nur bedingt auf ihre Kosten kommen, versteht sich fast von selbst – das hat den Hessischen Rundfunk aber noch nie geschert, und das ist auch gut so.

Bewertung: 8/10

Rezension der vorherigen Folge: Kritik zum Tatort "Parasomnia"

Kommentare:

  1. Ich fand ihn gut. Zwischendurch erwischte ich mich zwar bei dem Gedanken, wer sich jemals so wie Murot verhielte, aber dann fiel mir noch rechzeitig ein, dass kein Tatort jemals realistisch ist (sonst wären alle langweilig) und daher war alles in Ordnung. Murot ist halt so drauf, Ulrich Tukur kann man gut zuschauen und hier gab es ihn sogar doppelt. Das Spiel mit Schuld und Unschuld, Ursache und Wirkung, Alltag und Ausbruch empfand ich als gelungen, anregend.

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  2. Der Tatort war auch für mich relativ gut. Ich mag Ulrich Tutor als Schauspieler. Die Geschichte ist spannend und weitgehend denkbar - wenn auch teilweise mit viel gutem Willen.
    Die Dialoge mit dem Geist des Opfers waren für mich etwas anstrengend , sonst war es eine spannende Unterhaltung.

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