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Vom Himmel hoch

Folge: 1074 | 9. Dezember 2018 | Sender: SWR | Regie: Tom Bohn
Bild: SWR/Alexander Kluge
So war der Tatort:

Wenig weihnachtlich, wenngleich der pfiffige Krimititel, die TV-Premiere im Dezember und die Temperaturen in der Kurpfalz das durchaus nahelegen: Vom Himmel hoch thematisiert – anders als der vielgelobte Münchner Vorgänger Wir kriegen euch alle – nicht den Besuch des Weihnachtsmannes oder das Fest der Liebe, sondern den Drohnenkrieg und dessen Folgen für die US-Soldaten und zivilen Opfer aus dem Nahen Osten. Der Ludwigshafener Psychiater Dr. Steinfeld hat sich auf die Behandlung von Menschen mit entsprechenden Traumata spezialisiert – und als er eines morgens tot in seiner Praxis liegt, suchen Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und ihre Partnerin Johanna Stern (Lisa Bitter) den Täter im Kreise seiner Patienten. Ähnlich wie seine Kollegen im Saarbrücker Tatort Heimatfront oder im Leipziger Tatort Todesbilder beschäftigt sich Regisseur und Drehbuchautor Tom Bohn (Kalter Engel) in seiner stimmigen Kreuzung aus klassischem Krimi und politisch angehauchtem Psychothriller mit der Frage, was die persönlichen Erfahrungen im Krieg mit der Seele eines Menschen anrichten können. Dabei hält sich Bohn, der bei Minute 51 ein nettes Easter Egg in seinem 17. Tatort platziert, eine knappe Stunde lang an die wesentlichen Standardmomente der Krimireihe: Leichenfund zum Auftakt, Befragung der Zeugen und Verdächtigen, Erkenntnisse der Rechtsmediziner und natürlich der obligatorische Konflikt mit dem arroganten Staatsanwalt (hier: Max Tidof, Ein Sommernachtstraum), der den engagierten Kommissarinnen mehrfach in die Ermittlungen grätscht.
Odenthal: "Das ist scheiße, Herr Oberstaatsanwalt!"
Oberstaatsanwalt: "Ich weiß, Frau Odenthal."
Mit seinem Psychogramm kratzt Bohn aber nur an der Oberfläche, statt tief in die Gefühlswelt seiner Figuren vorzudringen: Die Vorgeschichte der depressiven Heather Miller (großartig: Lena Drieschner) illustriert er in trashigen Flashbacks, die die US-Soldatin bei Einsätzen im Drohnenkrieg zeigen, ehe sie sich Stern gegenüber öffnet. Über den tatverdächtigen Mirhat Rojan (Cuco Wallraff), der seine Kinder im Irakkrieg verloren hat, und seinen kurdischen Bruder Martin (Diego Wallraff, Engel der Nacht), erfahren wir dagegen so gut wie nichts: Der tragische Verlust wird auffallend kurz beleuchtet und lässt den Zuschauer entsprechend kalt. Dabei wäre im Drehbuch Platz für den nötigen Tiefgang gewesen, hätte man woanders gekürzt: Die Eheprobleme von Verhaltenstherapeutin Dr. Christa Dietrich (Beate Maes, Die Liebe und ihr Preis), mit dem sich das Opfer seine Praxis geteilt hat, bringen die Geschichte keinen Deut voran und dienen eher als halbherzige falsche Fährte im Hinblick auf die Auflösung des Mordfalls. Der ist nach gut 50 Minuten aber geklärt, so dass sich der Film im Schlussdrittel zum spannenden Thriller wandelt und dann auch seine stärksten Momente hat: Ähnlich wie im Dortmunder Meilenstein Sturm, im Hamburger Tatort Zorn Gottes oder im Bremer Flop Der hundertste Affe gilt es für Odenthal und Stern, ein Attentat auf Jason O'Connor (Peter Gilbert Cotton, Zwischen den Fronten) zu verhindern – der Staatssekretär des US-Verteidigungsministeriums will sich in einem Luxushotel mit General Peter Huffing (Jim Boeven) und dem deutschen Verteidigungsminister treffen. Auch sonst hat sich nach den desaströsen Impro-Experimenten Babbeldasch und Waldlust in Ludwigshafen manches in die richtige Richtung entwickelt: Das nervtötende Gezicke, das den Großteil der Sternschen Einsätze zur anstrengenden Geduldsprobe werden ließ (vgl. LU), ist endgültig Geschichte. Vielmehr schweißt der 1074. Tatort die Kommissarinnen zusammen, und auch Assistentin Edith Keller (Annalena Schmidt) und Kriminaltechniker Peter Becker (Peter Espeloer) werden diesmal sinnvoll in die Handlung eingebunden, statt sie auf Stichwörter zu reduzieren oder der Lächerlichkeit preiszugeben. Und dann ist da noch die Szene, bei der jedem Fan von Mario Kopper (Andreas Hoppe) warm ums Herz wird: Die dienstälteste Tatort-Ermittlerin schwelgt im Präsidium beim Blick auf das Abschiedsgeschenk ihres Ex-Kollegen in Erinnerungen und verdrückt ein paar Tränen – so wenig elegant sich der Abgang des deutsch-italienischen Kommissars in den letzten Jahren gestaltet hatte, so rührend ist dieser nostalgische Moment, den Stern erst erkennt und dann mit der Sensibilität einer Abrissbirne beendet.
Stern: "Jetzt haste ja mich."
Bewertung: 6/10

Wir kriegen euch alle

Folge: 1073 | 2. Dezember 2018 | Sender: BR | Regie: Sven Bohse
Kritik zum 1073. Tatort "Wir kriegen euch alle" mit Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) aus München.
Bild: BR/Tellux-Film Gmbh/Hendrik Heiden
So war der Tatort:

Blauäugig – und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Denn da ist zum einen die gar nicht mal so niedliche Smartpuppe Senta mit den leuchtenden blauen Augen, die in vielen Münchner Kinderzimmern ein Zuhause gefunden hat – eine Rentnerin, die die Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) tot in ihrer Wohnung finden, hatte das in Deutschland verbotene Spielzeug in Österreich gekauft und an Kinder verschenkt, bei denen sie einen Missbrauch durch die eigenen Eltern vermutete. Ein bisschen blauäugig aber vielleicht auch von den Drehbuchautoren Michael Proehl (Das Haus am Ende der Straße) und Michael Comtesse (Dein Name sei Harbinger), zu glauben, ein verstörtes Kind würde sich zum Herzausschütten ausgerechnet einer Puppe anvertrauen, deren Augen im Dunkeln so bedrohlich funkeln wie in einem Horrorfilm – Annabelle oder Chucky lassen grüßen. Und blauäugig agiert in Wir kriegen euch alle auch Assistent Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) – der will in einer Pressemitteilung zur Suche nach den in München verstreuten Senta-Puppen auf den Zusammenhang mit möglichem sexuellen Missbrauch hinweisen und stößt mit diesem naiven Vorschlag erwartungsgemäß auf wenig Gegenliebe. Batic und Leitmayr gehen cleverer vor: Nachdem die Eltern der mutmaßlich missbrauchten Lena Faber (Romy Seitz) brutal ermordet werden, schleust sich Batic undercover bei den "Anonymen Überlebenden von Kindesmissbrauch" ein, während Leitmayr dort in offizieller Mission anklopft und bei Gruppenleiter Gerd Schneider (Thomas Limpinsel, Requiem) auf Granit beißt.
Leitmayr: "Sagen Sie, das ist doch 'ne Gesprächsgruppe hier, oder? Ich finde, dafür reden Sie relativ wenig."
Sechs Wochen nach dem durchwachsenen Cyber-Tatort KI wagen sich die Filmemacher in München erneut an ein digitales Thema – das Bemerkenswerteste am 1073. Tatort sind aber weniger die per App bedien- und leicht manipulierbaren Smartpuppen, sondern der Besuch des Weihnachtsmanns mit Machete, der in Wir kriegen euch alle anstelle von Geschenken den Tod bringt. Wer glaubt, der Tatort spiele zur passenden Jahreszeit, was angesichts der TV-Premiere am 1. Advent durchaus nahe läge, liegt allerdings falsch: In München herrscht herrliches Frühlingswetter, was die kleinen Kinder, die dem als Santa Claus maskierten Mörder ihrer unter Missbrauchsverdacht stehenden Eltern ahnungslos die Tür öffnen, nicht im Geringsten stört. Neben solchen Ungereimtheiten offenbaren sich auch Schwächen bei der Figurenzeichnung: Während der stark aufspielende Leonard Carow (Mord auf Langeoog) als psychisch labiler Hasko reichlich Kamerazeit bekommt, spielt der unterforderte Jannik Schümann (Gegen den Kopf) mit dem partyfreudigen Schulabgänger Louis nur die Karikatur eines ungeliebten Sohnes, der den hohen Ansprüchen seines strengen Vaters Volker (Stephan Schad, Herrenabend) nicht gerecht wird. Wirklich kennenlernen dürfen wir den mit Nerdbrille und Jogginganzug schon rein optisch stark überzeichneten Faulenzer nicht: Seine Liebe zum asiatischen Au-Pair-Mädchen Maggie (Yun Huang) bleibt reine Behauptung und gipfelt in einem unfreiwillig komischen Finale, bei dem ein schwarzer Regenschirm die entscheidende Rolle spielt. Spaß macht der Film trotzdem, denn die Geschichte fällt zwar nicht sonderlich glaubwürdig aus, wartet aber mit ironischen Zwischentönen und tollen Spannungsmomenten auf: Regisseur Sven Bohse (Borowski und das Land zwischen den Meeren) inszeniert eine vor allem ästhetisch überzeugende Kreuzung aus einem düsteren Missbrauchsthriller mit Horror-Anleihen und einem heiteren Krimi. Trotz des fesselnd in Szene gesetzten und überraschend brutalen Auftaktmords kommt der Humor in der Folge nämlich nicht zu kurz: Zu den spaßigsten Momenten zählen eine spontane Räuberleiter und Batic' verzweifelte Versuche, mit seinem Smartphone ein Mobilfunknetz zu finden, ehe ein Hund seine Pläne durchkreuzt. Auch die Auflösung ist keineswegs Formsache: Der bemitleidenswerte Hasko, dem die Kommissare ähnlich wie im herausragenden Münchner Fall Der tiefe Schlaf aufgrund einer körperlichen Auffälligkeit auf die Schliche kommen, ist einfach viel zu verdächtig, als dass er als (alleiniger) Mörder infrage käme – und auch der Krimititel im Plural lässt erahnen, dass wohl noch jemand seine Finger im Spiel hat.

Bewertung: 6/10

Treibjagd

Folge: 1072 | 18. November 2018 | Sender: NDR | Regie: Samira Radsi
Bild: NDR/Christine Schroeder
So war der Tatort:

Beunruhigend. Denn die Drehbuchautoren Benjamin Hessler (Spieglein, Spieglein) und Florian Öller (Zeit der Frösche) legen den Finger auf den Puls der Zeit und entspinnen in Treibjagd ein Szenario, das im Hamburg von heute schon morgen Realität sein könnte: Eine Bürgerwehr bläst in Neugraben zur Jagd auf eine osteuropäische Einbrecherbande – und gleichzeitig auch zum Angriff auf die Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz). Die geraten schnell zwischen die Fronten: Nachdem der junge Einbrecher Kolya Daskalow (Tilman Pörzgen) auf frischer Tat ertappt und vom alleinstehenden Dieter Kranzbühler (Jörg Pose, Zurück ins Licht) in dessen Wohnzimmer erschossen wird, suchen die Kommissare fieberhaft nach dessen Freundin und Komplizin Maja Kristeva (Michelle Barthel, Hinkebein), die zugleich die wichtigste Tatzeugin ist. Auf die haben es aber auch der besorgte Bürger Siggi Reimers (Sascha Nathan, wir kennen ihn gut aus dem Frankfurter Tatort) und Kranzbühlers Bruder Bernd (Andreas Lust, Mia san jetz da wo's weh tut) abgesehen – und weil Ermittlungserfolge ausbleiben und der aufbrausende Falke mit der selbsternannten Nachbarschaftswache aneinandergerät, landet seine Adresse prompt in einem einschlägig bekannten Internetforum. Wie gefährlich es werden kann, wenn aus digitaler Hetze analoger Ernst wird, bekommt dann Falkes Sohn Torben (Levin Liam) schmerzhaft zu spüren – der offline lebende Großstadtbulle hingegen braucht in diesem Tatort (viel zu) lang, um zu begreifen, wie schnell eine Situation heutzutage durch gezielt eingesetzte Hashtags und die virale Eskalationsspirale außer Kontrolle geraten kann.
Falke: "Ich hab doch gesagt, Internet ist nur was für Spacken!"
Unterstützt vom stimmungsvollen, mitunter aber etwas aufdringlichen Soundtrack des Musikerduos Dürbeck & Dohmen inszeniert Regisseurin Samira Radsi (Schlangengrube) einen spannenden Tatort, wenngleich die Geschichte nicht ganz neu ist: Im Januar 2017 trafen bereits die Kölner Kollegen Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) in Wacht am Rhein auf eine militante Bürgerwehr, die in ihrem "Veedel" Jagd auf kriminelle Ausländer machte und das Gesetz zum Leidwesen eines ebenso unschuldigen wie vorbildlich integrierten Migranten selbst in die Hände nahm. Davon kann hier zwar keine Rede sein, denn das Opfer hat als aufmüpfiger Serieneinbrecher einiges auf dem Kerbholz – dass ihn Kranzbühler einleitend mit der Waffe richtet und seine Komplizin mit einem Streifschuss an der Hüfte verwundet, fällt dennoch in den Bereich Selbstjustiz und geht nicht mehr als Notwehr durch. Anders als im genannten Beitrag aus Köln werden die TV-Zuschauer diesmal aber Zeuge der Tat samt anschließender Tatort-Manipulation, so dass Treibjagd als Whodunit nicht funktioniert: Die 1072. Ausgabe der Krimireihe ist kein Krimi, sondern ein waschechter Thriller. Der guten Unterhaltung tut das keinen Abbruch, denn statt von der Suche nach der Auflösung lebt der Tatort von der Suche nach Einbrecherin Maja und deren Odyssee durch die umliegenden Wälder, in der Falke und Grosz über weite Strecken allein die Nadel im Heuhaufen suchen. Heimlicher Star des Films ist die glänzend aufgelegte Michelle Barthel (Nacktszene inklusive), die schon 2011 im Hamburger Tatort Leben gegen Leben groß aufspielte: Der um Freund und Gesundheit gebrachten Täterin mit Rachegelüsten drücken wir bei ihrer Flucht vor Polizei und Bürgerwehr bis zum dramatischen Showdown fast ein wenig die Daumen. Kleinere Holprigkeiten im Drehbuch müssen wir allerdings verschmerzen: Ihre mit dem Konterfei des Partners ausgestatteten Smartphones lassen die Einbrecher praktischerweise entsperrt im Fluchtauto zurück, der Wald bietet besten Handyempfang und das zarte Bellen der schlafmützigen Wachhunde von Hundeschulbesitzerin Heike (Angelika Richter) ringt unerwünschten Eindringlingen kaum ein müdes Lächeln ab. Auch die gewaltbereiten Nachbarschaftswächter wirken etwas überzeichnet, doch begehen die Filmemacher zumindest nicht den Fehler, alle Hetzer plump über einen Kamm zu scheren: Die Gruppendynamik unter den besorgten Bürgern beleuchten sie wohltuend differenziert und wissen dabei zwischen aggressivem Anführer, gehorsamem Mitläufer und reumütigem Täter zu unterscheiden.

Bewertung: 7/10

Der Mann, der lügt

Folge: 1071 | 4. November 2018 | Sender: SWR | Regie: Martin Eigler
Bild: SWR/Alexander Kluge
So war der Tatort:

Perspektivisch außergewöhnlich. Denn Der Mann, der lügt, ist im gleichnamigen Stuttgarter Tatort auch der Mann, dem wir eineinhalb Stunden lang über die Schulter blicken: Regisseur und Drehbuchautor Martin Eigler, der die Geschichte zum Film wie schon beim Dortmunder Meilenstein Sturm mit Sönke Lars Neuwöhner schrieb, wechselt die Erzählperspektive und schildert das Geschehen nicht aus der Sicht der Hauptkommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare), sondern aus der Sicht des Hauptverdächtigen. Nach dem brutalen Mord an dem windigen Anlageberater Uwe Berger fällt der Verdacht auf Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey, Kinderwunsch), der am Vorabend einen Termin mit Berger hatte – und beginnend mit der Eröffnungssequenz weichen wir Gregorowicz in diesem spannenden Krimidrama nicht mehr von der Seite. Vielmehr folgen wir ihm nach Hause zu Ehefrau Katharina (Britta Hammelstein, Fegefeuer) und Tochter Jule (Livia Sophie Magin), zu seinem Zahnarzt Dr. Radu Voica (Daniel Wagner, Level X) und sogar auf den Tennisplatz – und werden im Gegensatz zu den Ermittlern auch früh zum Zeugen seines Doppellebens, von dem seine Familie ebenso wenig ahnt wie sein Anwalt und Schwager Moritz Ullmann (Hans Löw, Es lebe der Tod). Der Mann, der lügt, hat sich über die Jahre ein gewaltiges Konstrukt aus Lügen aufgebaut – und es ist an Lannert und Bootz, es Schritt für Schritt zum Einsturz zu bringen und sich bei den entnervenden Befragungen nicht entmutigen zu lassen (mehr über die fordernden Dreharbeiten verriet uns Felix Klare im Interview).
Gregorowicz: "Das habe ich ja schon gesagt."
Bootz: "Ja, das haben Sie dann irgendwann, nach Stunden, beliebt zu sagen. Jetzt sind wir aber bei einem anderen Punkt! Und wenn Sie den letztendlich auch erst in drei oder vier Stunden zugeben, verlieren wir wieder und wieder wertvolle Zeit. Wie seit Tagen schon – einzig und allein, weil Sie lügen!
Die kammerspielartige Sequenz im Stuttgarter Verhörraum erinnert an den gelungenen Berliner Tatort Machtlos, in dem sich die engagierten Kommissare eine halbe Ewigkeit die Zähne an ihrem Gegenüber ausbissen – aber ist Gregorowicz wirklich der Mörder? Anders als in einem klassischen Whodunit stellt sich im 1071. Tatort weniger die Frage, wer die Tat begangen hat, sondern ob die Tat von ihm begangen wurde. Der starke Fokus auf den charismatischen Verdächtigen ist für die Krimireihe aber gar nicht so ungewöhnlich, wie man meinen sollte: Ähnliche Ansätze gab es zum Beispiel in Haie vor Helgoland, Das Böse oder Der Teufel vom Berg. Die Konsequenz, mit der die Filmemacher den Perspektivwechsel durchziehen, sucht aber ihresgleichen: Lannert und Bootz reden bei ihrem zehnjährigen Tatort-Jubiläum keinen einzigen (!) Satz miteinander. Die Dialogzeilen der Kommissare beschränken sich auf die Befragung des mutmaßlichen Mörders – damit sind auch Staatsanwältin Emilia Alvarez (Carolina Vera) und die fast wortlose Nika Banovic (Mimi Fiedler), die zum letzten Mal im Tatort aus dem Ländle mit von der Partie ist, nur bessere Statisten. Auch das TV-Publikum nimmt eine ungewohnte Rolle ein: Es weiß zwar mehr (und zugleich oft weniger) als die Kommissare, deren Kamerazeit sich in der ersten Filmhälfte auf wenige Minuten beschränkt, aber auch nicht so viel wie der undurchsichtige Mordverdächtige selbst, der bei seiner Politik der kleinen Häppchen stets nur das gesteht, was man ihm nachweisen kann. Das erhöht den Reiz bei der Suche nach der Auflösung: Statt die Täterfrage zu früh offenzulegen, installieren die Filmemacher vielsagende Flashbacks und verschwommen illustrierte Tagträume, die wir nicht wirklich durchschauen. Dass der 22. Fall von Lannert und Bootz trotz kleinerer Spannungstiefs im Mittelteil zu den bis dato besten Tatort-Folgen aus Stuttgart zählt, liegt aber auch an den tollen schauspielerischen Leistungen von Manuel Rubey und seiner Leinwandpartnerin Britta Hammelstein: Während Rubey seine von Finanznot, Kripo und betrogener Gattin getriebene Figur facettenreich mit Leben füllt, glänzt Hammelstein beim emotionalen Streit im Hause Gregorowicz, in dem mehr im Argen liegt, als man anfangs für möglich halten sollte. Etwas kurz kommen mit Frank Schacht (Robert Schupp, Zeit der Frösche), Detlef Schönfliess (Marc Fischer) und Armin Gross (Holger Daemgen, Wahre Liebe) zwar die Freunde der Familie, doch ist auch das dem strikten Fokus auf die Schlüsselfigur geschuldet: Ob Der Mann, der lügt, auch der Mann ist, der mordet, bleibt bis zum Schluss offen. Ob es die erklärenden Texttafeln da noch gebraucht hätte, darf jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden.

Bewertung: 8/10

Blut

Folge: 1070 | 28. Oktober 2018 | Sender: Radio Bremen | Regie: Philip Koch
Bild: Radio Bremen/Christine Schroeder
So war der Tatort:

Nichts für schwache Nerven. Denn wie schon 2017 setzt die ARD im ausklingenden Oktober auch 2018 wieder auf einen Halloween-Tatort: Waren es im Vorjahr die Frankfurter Hauptkommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch), die im allenfalls zum Fürchten schlechten Tatort Fürchte dich in einem Spukhaus mit paranormalen Phänomenen konfrontiert wurden und die Zuschauer reihenweise zum Abschalten animierten, so sind es diesmal ihre Bremer Kollegen Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), die in der Hansestadt einen wahren Horrortrip erleben. Doch diesmal entpuppt sich das Genre-Experiment als Volltreffer: "Lasst uns noch mal ein Feuerwerk abfackeln", brachte Mommsen das gemeinsame Motto von Sender und Schauspielern im Hinblick auf den 2019 anstehenden Abschied der Bremer Kommissare in einem Interview auf den Punkt – und Regisseur Philip Koch, der das Drehbuch zu Blut gemeinsam mit Holger Joos (Freies Land) schrieb und bereits den bärenstarken Vorgänger Im toten Winkel inszenierte, lässt Taten folgen. Nachdem eine unbekannte Frau der jungen Julia Franzen (Lena Kalisch, Das Gespenst) einleitend in einem Park das Blut aussaugt und deren Freundin Anna Welter (Lilly Menke, Tiere der Großstadt) gerade noch mit dem Schrecken davon kommt, machen sich Lürsen und Stedefreund auf die Suche nach einem Vampir – obwohl sie natürlich wissen, dass es ihn eigentlich gar nicht gibt.
Lürsen: "Ich glaube nicht an Monster, die sich in Fledermäuse verwandeln."
Oder etwa doch? Während Lürsen, die bei ihren Recherchen von ihrer Tochter Helen Reinders (Camilla Renschke) unterstützt wird, die Theorie des fachkundigen Germanistikprofessors Syberberg (Stephan Bissmeier, Die letzte Wiesn) ins Reich der Märchen verweist, ist Stedefreund nach einer einschneidenden Erfahrung empfänglicher für eine übernatürliche Erklärung des brutalen Mordes – und der Zuschauer darf selbst entscheiden, welchen Ansatz er favorisiert. Das ist sehr typisch für die Krimireihe und lässt den 1070. Tatort – bei all seiner Extravaganz – unterm Strich ein wenig durchgeplanter wirken, als man es bei einem solch wagemutigen Experiment für möglich halten sollte. Dem hohen Unterhaltungswert tut das aber kaum Abbruch, wenn man denn das entsprechende Nervenkostüm mitbringt: Koch hält das Spannungslevel von Minute 1 an hoch und gönnt seinem Publikum dank sorgfältig dosierter Jump Scares, blutiger Schockmomente und klassischer Suspense nur selten längere Verschnaufpausen. Und er geizt nicht mit filmischen Zitaten, denn schon die Auftaktsequenz dürfte so manchem Fan von Freddy Krueger, Michael Myers & Co. einen nostalgischen Schauer über den Rücken laufen lassen: Der Popcorn-in-der-Küche-Verweis auf Wes Cravens Meisterwerk Scream stellt die Weichen auf Fürchten und bleibt bei weitem nicht der letzte in diesem Film. Neben einer verbalen Anspielung auf Van Helsing und verschiedenen Anleihen aus bekannten Slasher- und Exorzismusfilmen findet auch das Szenenbild aus dem Hitchcock-Klassiker Psycho seine Entsprechung – nämlich in der steilen Treppe im Wohnhaus von Nora Harding (Lilith Stangenberg) und ihrem Wolf (Cornelius Obonya, Granit), in dem das Herz dieses Horrorkrimis schlägt und in dem das Blut schon mal in der Mikrowelle warm gemacht wird. Die beeindruckende Performance von Nebendarstellerin Lilith Stangenberg, die als menschlicher Vampir einen wahren Kraftakt abliefert und sich nach Herzenslust austoben darf, ist allein schon das Einschalten wert. Damit der Halloween-Tatort beim spannenden Spagat zwischen klassischer Krimikost und dem blutigen Ausflug ins Horrorgenre nie ganz die Bodenhaftung verliert, bedienen sich die Filmemacher eines kleinen Tricks: Die wirklich paranormalen Momente erlebt Stedefreund immer in nächtlichen Alpträumen oder im Fieberwahn – alle anderen Vorfälle könnten mit natürlichen Ursachen erklärbar sein. So wandelt der vorletzte Tatort mit Lürsen und Stedefreund zwar auf einem ganz schmalen Grat zwischen klassischer Krimi-Unterhaltung, blutigen Zugeständnissen an das Horror-Publikum und der Gefahr von unfreiwilliger Komik – aber anders als Fürchte dich oder manch anderes missglückte Tatort-Experiment verliert er dabei nie die Balance.

Bewertung: 8/10

KI

Folge: 1069 | 21. Oktober 2018 | Sender: BR | Regie: Sebastian Marka
Bild: BR/Bavaria Fiction GmbH/Hendrik Heiden
So war der Tatort:

Seelenlos. Denn in diesem Tatort von Sebastian Marka (Der scheidende Schupo) mangelt es zwar weniger der ambitionierten Geschichte, dafür aber der wichtigsten Augenzeugin im Fall der verschwundenen Melanie Degner (Katharina Stark) an einer Seele und Herzblut: Die 14-jährige Schülerin hatte eine komplexe künstliche Intelligenz namens MARIA auf ihrem Laptop installiert. Die wurde offenbar aus dem Leibniz-Rechenzentrum in München-Garching gestohlen und weiß mehr über die Hintergründe von Melanies Verschwinden. Bei der Aufklärung des Falls sind die Münchner Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) – nicht gerade die Digital Natives der Krimireihe – wohl oder übel auf die Unterstützung der titelgebenden KI angewiesen: Die Idee der Drehbuchautoren Stefan Holtz und Florian Iwersen, die bereits die sehenswerte Oktoberfest-Folge Die letzte Wiesn gemeinsam schrieben, eine künstliche Intelligenz zur wertvollsten Zeugin zu machen, hat es im Tatort so noch nicht gegeben und schafft eine vielversprechende Ausgangslage für einen spannenden Cyberkrimi. Wenngleich der warnende Zeigefinger nicht ausbleibt, rückt die KI zu Beginn sogar in ein ungewohnt positives Licht – und wenn Leitmayr im LRZ bei der ersten Befragung von MARIA schon nach wenigen Fragen die Geduld verliert, weil sich Batic mit neunmalklugen Ratschlägen einmischt, darf natürlich auch geschmunzelt werden.
Leitmayr: "Jetzt halt doch mal die Klappe, Mensch!"
MARIA: "Redest du mit mir?"
Leitmayr: "Nein."
MARIA: "Aber ich höre noch eine Stimme."
Leitmayr: "Ja, leider. Einfach ignorieren, das mach ich auch so."
Sympathisch-humorvolle und zugleich sorgfältig dosierte Szenen wie diese sind typisch für den Tatort aus München, gehen diesmal aber auf Kosten der Logik: MARIA scheint beim Verhör stets die Antworten zu geben (oder eben nicht zu geben), die dramaturgisch ins Konzept passen. Auch technisch klafft das eine oder andere Logikloch: Betont Projektleiter Bernd Fehling (Florian Panzner, Nachbarn) einleitend noch, dass allein der Supercomputer im Rechenzentrum dazu in der Lage sei, die riesigen Datenmengen bei der Interaktion mit der KI störungsfrei zu verarbeiten, lässt sich mit ihrer weiterentwickelten Raubkopie problemlos per Laptop bei wackeliger Internetverbindung in der Pampa interagieren. Solche Ungereimtheiten schmälern den Unterhaltungswert zwar nur gering, dafür offenbaren sich im Hinblick auf die Nebenfiguren erhebliche Schwächen bei der Charakterzeichnung: Den nicht von ungefähr mit Sonnenbrille, Cap und Vollbart maskierten IT-Techniker Christian Wilmots (Schauspieler Thorsten Merten spielt schließlich auch Kommissariatsleiter Kurt Stich im Tatort aus Weimar) skizzieren die Filmemacher viel zu oberflächlich als paranoiden Einzelgänger und Freak ("Wer schickt euch? NSA? BND?"), während die ehrgeizige Überfliegerin Anna Velot (Janina Fautz, Sonnenwende) kaum mehr als ein anstrengendes Klischee auf zwei Beinen ist. Die Kollegen der Kommissare bestätigen hingegen ein ungeschriebenes Tatort-Gesetz: Die auszubügelnden Ermittlungsfehler gehen oft aufs Konto der unteren Dienstränge – diesmal auf das von Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer), der sich von Anna mit einem simplen Trick aufs Kreuz legen lässt, und Ritschy Semmler (Stefan Betz), der bei einer Observation im entscheidenden Moment nicht richtig hinsieht. Trotz der vielen Szenen im futuristisch eingerichteten LRZ ist KI aber kein reiner Cyberkrimi, sondern auch ein – leider sehr vorhersehbares – Familiendrama: Wieviel durch die Scheidung von Melanies Eltern ins Rollen gekommen ist, lassen schon die Antidepressiva erahnen, die ihre Mutter in ihrer ersten Szene in einer Schublade verschwinden lässt. Während wir am Seelenleben ihres Ex-Mannes Robert (Dirk Borchardt, Hundstage) ausführlich teilhaben dürfen, bleibt Brigitte Degner (Lisa Martinek, Blutgeld) die Unbekannte in diesem Tatort – erfahrene Zuschauer ziehen daraus schon früh die entsprechenden Schlüsse. Auch über die Gründe für Melanies Einsamkeit und ihre Flucht in die Pseudo-Freundschaft zu einer künstlichen Intelligenz erfahren wir zu wenig, als das uns ihr Schicksal berühren würde – und so wirft das tragische Ende fast mehr Fragen auf, als es beantwortet.

Bewertung: 5/10

Her mit der Marie!

Folge: 1068 | 14. Oktober 2018 | Sender: ORF | Regie: Barbara Eder
Bild: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican
So war der Tatort:

An der Grenze des Zumutbaren. Doch nicht etwa im Hinblick auf das Drehbuch (das ist klasse), die Inszenierung (die ebenfalls) oder gar die Besetzung (die über jeden Zweifel erhaben ist): Nein, in diesem Austro-Tatort wird ein derartiges Dialektfeuerwerk abgebrannt, das bei vielen deutschen Zuschauern gleich reihenweise Fragezeichen über die Stirn huschen dürften. Wer mit dem Wiener Zungenschlag und den entsprechenden Begrifflichkeiten in unserem Nachbarland fremdelt, wird an diesem Tatort wenig Freunde finden, denn der irritiert schon mit seinem Filmtitel: Her mit der Marie! bezieht sich nicht etwa auf eine Geisel oder ein Entführungsopfer selbigen Namens, sondern heißt im Österreichischen so viel wie "Geld her!". Gemeint ist eine Tasche mit Banknoten: Pico Bello (Christopher Schärf, Glaube, Liebe, Tod) und Edin Gavric (Aleksandar Petrovic), zwei Handlanger des früheren Unterweltkönigs Joseph "Dokta" Fenz (Falsch verpackt), brausen einleitend mit ordentlich Kohle im Kofferraum durch die Provinz, werden aber von einem maskierten Unbekannten überfallen und um ihr Geld gebracht. Gavric bezahlt sogar mit dem Leben, weil er den Helden spielen will – das wiederum ruft Chefinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Major Bibi Fellner (Adele Neuhauser) auf den Plan, die den Wiener Schmäh in diesem Tatort einmal mehr zelebrieren. Zur Not auch mal per "Wecall"-Schalte, bei der Eisner mit einem sympathischen Profilbild – in Zeiten von Snapchat und Instagram natürlich mit rausgestreckter Zunge, animierter Nase und braunen Ohren im ergrauten Haar – für den größten Lacher in diesem ohnehin äußerst kurzweiligen Tatort sorgt.
Fellner: "Is' fesch, dein Profilbild!"
Eisner: "Weißt du, wie man den Scheiß wieder wegkriegt!?"
An den Dialekt der beiden Ermittler, der die Zankereien ja gleich doppelt amüsant macht, haben wir uns nach siebeneinhalb Dienstjahren zwar gewöhnt – wenn Fellner und ihr alter Busenkumpel Inkasso-Heinzi (Simon Schwarz) bei einer Plauderei im Hinterhof aber nebenbei auch noch auf einem Leberkäsbrötchen herumkauen (s. Bild), ist selbst für das geschulte Ohr kaum noch etwas zu verstehen. Wer die akustische Herausforderung annimmt, wird aber mit einem auch ästhetisch überzeugenden Genre-Mix belohnt: Schon der melancholische Soundtrack (incl. Gastauftritt von Voodoo Jürgens), ein paar tolle Splitscreen-Montagen und die wunderbar fotografierte Eröffnungssequenz auf einer einsamen Landstraße zeigen, dass wir es mit keinem Tatort nach Schema F zu tun haben. Regisseurin Barbara Eder (Virus) inszeniert vielmehr eine sehr unterhaltsame Kombination aus Milieukrimi, Roadmovie, Westerndrama und Mafiathriller, die sich selbst nicht allzu ernst nimmt und in der sich die schillernden Figuren förmlich die Klinke in die Hand geben. Während der augenzwinkernd überzeichnete Elvis-Verschnitt Pico und sein Verhältnis zur neuerdings angeblich ehrlichen Haut Inkasso-Heinzi bis zum Schluss die große Unbekannte und Antriebsfeder der Geschichte bleiben, gibt der eiskalte Problembeseitiger Marko Jukic (Johannes Krisch, Vergeltung) den harten Hund. Der einflussreiche Dokta stiehlt ebenfalls viele Szenen – zum Beispiel dann, wenn er sich beim Verhör im Präsidium in aller Seelenruhe ein Ei pellt, das ihm seine knuffige Gattin (Maria Hofstätter, Granit) zuvor noch fix in die Lunchbox gepackt hat. Auch der übereifrige Assistent Manfred Schimpf (Thomas Stipsits) stellt bei seinem neunten Auftritt unter Beweis, was für ein großer Gewinn er über die Jahre für den Tatort aus Österreich geworden ist: So sehr sich Eisner und Fellner bei den Ermittlungen auch in die Haare kriegen – in dem tatendurstigen Kollegen finden sie in Her mit der Marie! immer wieder ein gemeinsames Feindbild, über das sie sich wunderbar echauffieren können. Den 1068. Tatort auf sein Figurenensemble und die stellenweise brüllend komische Situationskomik zu reduzieren, würde dem überzeugenden Drehbuch von Stefan Hafner und Thomas Weingartner aber nicht gerecht: Wer einfach nur einen guten Krimi sehen und miträtseln möchte, kommt ebenfalls auf seine Kosten. Zwar reduziert sich der Kreis der Verdächtigen auf eine Person, doch bleibt deren Rolle bei der Tat bis in die emotionalen Schlussminuten unklar. Dass die Auflösung nicht sonderlich knifflig ausfällt und sich im Mittelteil des Films ein paar Längen einschleichen, schmälert den guten Gesamteindruck allerdings ein wenig.

Bewertung: 7/10

Tod und Spiele

Folge: 1067 | 7. Oktober 2018 | Sender: WDR | Regie: Maris Pfeiffer
Bild: WDR/Thomas Kost
So war der Tatort:

Kampfsportlich. Denn das neu formierte Dortmunder Quartett um Hauptkommissar Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Jan Pawlak (Rick Okon) verschlägt es bei seinem ersten gemeinsamen Einsatz in die illegale Mixed-Martial-Arts-Szene - und dort beweist vor allem Debütant Pawlak, dass sein gefährlicher Undercover-Einsatz in der JVA im Vorgänger Tollwut nicht von ungefähr kam. Der Dortmunder Neuzugang, der in Tod und Spiele offiziell die Nachfolge des im Meilenstein Sturm ausgeschiedenen Daniel Kossik (Stefan Konarske) antritt, geht wieder dahin, wo's weh tut: Er ermittelt verdeckt im Fight Club von Till Koch (Robert Gallinowski, Level X), weil in einer leerstehenden Fabrik am Stadtrand die verbrannten und noch zu Lebzeiten schlecht verheilten Knochen eines Mannes gefunden wurden, der dort mutmaßlich trainiert hat – und außerdem bei illegalen Wettkämpfen angetreten ist, bei denen es um Leben, Tod und viel Geld ging. Dabei ist Pawlak gar nicht der Draufgänger, für den man ihn zunächst halten sollte: Anders als Faber, Bönisch und Dalay ist er bei den Ermittlungen um Harmonie bemüht und macht pünktlich Feierabend. Das birgt ebenso Zündstoff wie sein Dienstgrad Hauptkommissar, der der jungen Oberkommissarin Dalay überhaupt nicht in den Kram passt. Und anders als seine Kollegen hat der Mann sogar (noch) Familie.
Pawlak: "Ich hab selbst 'ne Familie. Bin ich offenbar der Einzige hier?"
Faber: "Das gibt sich auch noch, wenn Sie nur lange genug bei uns bleiben."
Schon beim Aufarbeiten der hierarchischen Diskrepanz zwischen Pawlak und Dalay offenbart sich eine der größten Schwächen dieses Krimis, die in den sonst so überzeugenden Tatort-Folgen aus Dortmund bisher nur selten zu beobachten war: Die zwischenmenschlichen Konflikte und launigen Sprüche lassen die Natürlichkeit bisweilen vermissen und entwickeln sich oft nicht aus den Charakteren heraus, sondern wirken wie vorgegeben. Dass Drehbuchautor Jürgen Werner (Zahltag), der den Großteil der bisherigen Fälle konzipiert hat, das Ruder diesmal seinem Kollegen Wolfgang Stauch (Côte d'Azur) überlässt, ist spürbar. Die Spannung köchelt auf Sparflamme, wenngleich neben Pawlaks Beschattung von MMA-Trainer Abuzar Zaurayev-Schmidt (Surho Sugaipov, Dunkle Zeit) noch ein zweiter Undercover-Einsatz für eben jene sorgen soll: Bönisch quartiert sich unter falschem Namen in einem Hotel ein und bandelt dort mit dem Oligarchen Oleg Kombarow (Samuel Finzi, bekannt als Gerichtsmediziner Dr. Stormann aus dem Kieler Tatort) an, der bei den Kämpfen viel Geld aufs Spiel setzt und am liebsten Borussia Dortmund kaufen würde. Wirklich mitzureißen vermag aber auch dieser Handlungsstrang selten, wenngleich sich Kombarow vom Klischee des schmierigen Russen mit viel Geld und wenig Skrupeln emanzipieren darf. Fast gänzlich verschenkt wird dafür eine Figur, die eigentlich großes Potenzial mitbringt: Der verängstigte kleine Junge (Cecil Schuster), den Faber im Hotelzimmer des Toten findet und scherzhaft "Kleinkhan" tauft, darf die Ermittler zu Beginn zwar mit seinem hartnäckigen Schweigen aus der Reserve locken, wird später aber einfach vorm PC geparkt und damit als Figur fallengelassen, um dann beim Showdown plötzlich wieder einzugreifen. Während die Realitätsnähe – die Kripo lässt den Jungen tagelang ohne Wissen des Jugendamts im Büro auf dem Fußboden schlafen – im 1067. Tatort erschreckend klein geschrieben wird, klaffen anderswo riesige Logiklöcher: Hätten die Ermittler einfach mal Kleinkhans Kleidung untersucht, wäre der Fall schon viel früher gelöst gewesen. So sind der größte Pluspunkt in Tod und Spiele am Ende die tollen Szenen mit Faber und Bönisch: Wenn sich die beiden heimlich auf der Damentoilette treffen, über die nötigen Grenzen ihrer Umtriebigkeit streiten oder sich Faber zähneknirschend eingesteht, dass er seine Kollegin nicht nur als Fachkraft schätzt, ist der Dortmunder Tatort voll in seinem Element. Bissige Wortgefechte allein machen aber noch keinen guten Krimi, denn auch die Inszenierung von Maris Pfeiffer (Verdammt) enttäuscht: Besonders künstlich wirkt neben einem fast unfreiwillig komischen K.O. im Präsidium auch der Showdown, bei dem der Funke von den Kämpfern nicht recht auf die Besucher überspringen will.

Bewertung: 5/10

Tiere der Großstadt

Folge: 1066 | 16. September 2018 | Sender: rbb | Regie: Roland Suso Richter
Bild: rbb/Conny Klein
So war der Tatort:

Transhumanistisch. Denn im winterlichen Berlin übernehmen die Maschinen – und zwischen den Ermittlern wird es frostig. Programmierte Roboter kochen Kaffee, schmeißen den Haushalt, trösten bei Einsamkeit – und sie töten. Dieses altbekannte Horrorthema beschäftigt die Hauptkommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) bei der Aufklärung eines Todesfalls am Ku'damm: Tom Menke (Martin Baden) wird erstochen in seinem "Robista"-Coffeshop aufgefunden. Dass das komplett selbstständig arbeitende und kaffeevertreibende Gerät den Unfall selbst verursacht haben könnte: natürlich ausgeschlossen! Parallel dazu kehrt Carolina (Tatiana Nekrasov, Dunkle Zeit), die Frau des Bäckers Reno Gröning (Kai Scheve, Tödliche Häppchen) nicht vom morgendlichen Waldlauf zurück: Sie scheint kurz vor ihrem Tod Bekanntschaft mit einem Wildschwein gemacht zu haben. Der Berliner Grunewald beherbergt neben Joggern schließlich längst wieder allerlei Getier – und in Tiere der Großstadt auch die für die Handlung seltsam überflüssige Naturbloggerin Charlie (Stefanie Stappenbeck, bis 2016 dreimal im Tatort aus Hamburg zu sehen), die mit der Leiche im Schnee schließlich ein "besonderes Geschenk der Natur" beim Live-Streamen aufstöbert. Was hingegen die Kameras am Ku'damm nicht sehen, sieht möglicherweise der Rentner Albert (Horst Westphal) von seinem Fenster aus. Ein freundschaftliches Band entspinnt sich zwischen ihm und Karow. Aber kann er der Erinnerung des alten Mannes trauen? Crazy Cat Lady Kathrin Menke (Valery Tscheplanowa), die den Coffeshop gemeinsam mit ihrem ermordeten Mann betrieben hatte, zieht sich jedenfalls zurück in ihren Alltag, in dem Menschen nur noch die zweite Geige spielen.
Karow: "Sie haben sich um den Automaten gekümmert wie Eltern, oder? Dieser Roboter, das war sowas wie’n Baby für Sie."
Menke: "Auf jeden Fall muss man ihm alles nur einmal zeigen. Ich hab’ gehört, bei Kindern ist das nicht so."
Für Berliner Verhältnisse leider schwach ist das Drehbuch von Beate Langmaack (Das Recht, sich zu sorgen): Das Zusammenführen der beiden Handlungsstränge gelingt ihr kaum, die Vorhersehbarkeit bei der Täterfrage und ein spät eingestreuter Hinweis sind Spannungskiller. Als Zuschauer könnte man sich aufgrund des ausgelutschten Digi-Themas (vgl. HAL, Mord Ex Machina oder Echolot) ohnehin sehr früh mit der Auflösung "Es war der Roboter!" zufrieden geben, aber auch Wildschweine und Füchse gehören mittlerweile ebenso zu Berlin wie der Fernsehturm und Automatenkaffee. Possierliche Tierchen wuseln, flattern und streunen als Leitmotiv durch den 1066. Tatort, während ein Totentanz mit der Maschine schließlich die Message offenbart: Die Menschen hängen zu viel mit Siri und Co. ab und kriegen ihre sozialen Beziehungen nicht mehr auf die Reihe. Keine besonders überraschende Erkenntnis. Küchenphilosophie hat schon so manchen Sonntagskrimi versaut und lässt die Hoffnung auf den nächsten Berlin-Knaller nach dem grandiosen Berlinale-Tatort Meta platzen, doch anders als in München oder Köln kommt man an der Spree ohne Moralapostel aus: Im Angesicht der Endzeitstimmung bringen die beiden Ermittler jede Line mit soviel ironischer Überhöhung rüber, dass der Film trotzdem Spaß macht. Und wie üblich in der Hauptstadt war auch bei Tiere der Großstadt wieder Qualität am Werk: Regisseur Roland Suso Richter (Kopper) schafft eine skurrile Naturlyrik des Berliner Dschungels und inszeniert mit vielen metaphorischen Details die Mensch-Maschine-Interaktion. Schon der Vorspann zeigt sich als aufwändig produzierter Videoclip im Stile erfolgreicher Web- und Pay-TV-Serien. Die Musik von Nils Frahm (Deutscher Filmpreis für die Musik in Victoria) macht aus dem Tatort mit leicht dissonantem Clubsound auch künstlerisch eine runde Sache und in Sachen Schauspielkunst sind Meret Becker und Mark Waschke sowieso eine sichere Bank. Wenngleich Karows Wutausbrüche und Rubins ewiger Mutter-Sohn-Konflikt diesmal sehr konstruiert wirken, wissen die beiden Großstadtpflanzen mit all dem menschlichen Gefühlsballast erstaunlich souverän umzugehen. Nüchtern überbringen sie Todesnachrichten und blicken stets etwas blasiert auf den Großstadtzoo, der sich heimlich den Lebensraum von den menschlichen Bewohnern zurückerobert. Im Vergleich dazu beißt sich der (durchaus spannende) Nachwuchs Mark Steinke (letzter Auftritt: Tim Kalkhof) und Anna Feil (Carolyn Genzkow) noch öfter auf die Lippe, als es sein müsste. Rubin und Karow hingegen merkt man an, wie sehr sie in diesem Film und in dieser Stadt zu Hause sind: Sie lieben und weinen, sie schreien und schwitzen, sie frotzeln und küssen. Sie sind Berlin.

Bewertung: 6/10

Borowski und das Haus der Geister

Folge: 1065 | 2. September 2018 | Sender: NDR | Regie: Elmar Fischer
Bild: NDR/Christine Schroeder
So war der Tatort:

Übersinnlich, übertrieben und überraschend schwach - zumindest für Kieler Verhältnisse. Denn Regisseur Elmar Fischer (Letzte Tage) und Drehbuchautor Marco Wiersch (Zeit der Frösche) schicken den Tatort knapp elf Monate nach dem allenfalls zum Fürchten schlechten Frankfurter Krimi-Experiment Fürchte dich erneut auf einen Ausflug ins Horror-Genre: Hauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) reist vier Jahre nach dem Verschwinden seines heimlichen Schwarms Heike Voigt (Sandrine Mittelstädt, Todesbrücke), der Ehefrau seines früheren Freundes Frank Voigt (Thomas Loibl, Wofür es sich zu leben lohnt), in dessen Villa – Borowskis Patenkind Grete (Emma Mathilde Floßmann), das gemeinsam mit ihrem Vater Frank, dessen neuer Frau Anna (Karoline Schuch, Kalter Engel) und ihrer Schwester Sinja (Mercedes Müller, Mia san jetz da wo's weh tut) in dem abgelegenen Haus wohnt, hatte ihn per Brief darum gebeten. Nachts geschehen dort unheimliche Dinge, die aber nur Anna wahrnimmt. Fauler Zauber oder tatsächlich übersinnliche Phänomene? Borowski geht auf Geisterjagd und rollt den zurückliegenden Todesfall neu auf, doch weil er befangen ist, stellt ihm sein Chef Roland Schladitz (Thomas Kügel) eine Partnerin zur Seite: Die 28-jährige Mila Sahin (Almila Bagriacik, Wer das Schweigen bricht) ist die Neue im Kieler Polizeipräsidium und tritt die indirekte Nachfolge von Sarah Brandt (Sibel Kekilli) an, nachdem der Kommissar in Borowski und das Land zwischen den Meeren einmalig allein ermittelt hatte. Und Sahin ist wahrlich nicht auf den Mund gefallen.
Voigt: "Mir gefällt ihr Ton nicht."
Sahin: "Ich könnte Gesangsstunden nehmen."
Der NDR setzt auf ein vor Selbstbewusstsein nur so strotzendes Energiebündel: Sahin unterzieht ihre Boxbirne "Walter" im neuen Büro schon zum Einstieg einer Belastungsprobe und drückt in der Folge ordentlich aufs Tempo. Ihre dynamische Gangart und das unerschütterliche Selbstvertrauen, mit dem sie vor allem der Generation Y als Identifikationsfigur dienen dürfte, wirken allerdings überzeichnet und werden erst im Schlussdrittel des Krimis auf ein weniger anstrengendes Maß zurückgeschraubt. Ansonsten ist Sahin Brandt durchaus ähnlich, so dass sich an der Ermittlerkonstellation auf den ersten Blick nicht viel ändert. Auch der Mut zu ausgefallenen Geschichten ist für den Fadenkreuzkrimi von der Förde typisch, doch birgt Borowski und das Haus der Geister – und das ist im Kieler Tatort eher die Ausnahme – im Hinblick aufs Drehbuch einige Schwächen: Die Auflösung fällt ziemlich vorhersehbar aus und beim Blick auf die Figuren scheint manches nicht stimmig. Dass Borowski vom Jähzorn seines einstigen Schwarms nicht das Geringste geahnt haben will, wirkt sehr unglaubwürdig, sein blindes Vertrauen zu Neuling Sahin gerade bei einem solch persönlichen Fall überhastet – und über sein verschlossenes Patenkind, das die Filmemacher als anfängliche Schlüsselfigur schnell wieder fallen lassen, erfahren wir viel zu wenig. Vielmehr müssen Gretes blaue Haare, ihre Wollmütze und ihre Punk-Klamotten reichen, um sie auch im Geiste von ihrer sexy gekleideten Schwester Sinja zu trennen. Zumindest im Hinblick auf Stiefmutter Anna, die von den schrecklichen Horror-Visionen gepeinigt wird, legen die Filmemacher mit einem gemeinsamen Ausflug in den Wald ein deutlich solideres Fundament für die weitere Charakterzeichnung und auch ästhetisch weiß der 1065. Tatort zu überzeugen. Dem solide inszenierten nächtlichen Grusel fehlt aber die Durchschlagskraft, denn für elektrisierende Schockmomente ist der Sendeplatz der falsche und für eine Geistergeschichte, bei der man die vermeintliche Übersinnlichkeit als gegeben hinnehmen könnte, ist die Handlung tagsüber viel zu sehr in der Realität geerdet. Als Borowski die Damen des Hauses irgendwann sogar zum Gläserrücken bittet ("Wir rufen dich, großer Geist!"), driftet die Handlung für einen Moment ins Lächerliche ab, ehe sich die Filmemacher wieder auf das konzentrieren, was ihren unrunden Genre-Mix überhaupt sehenswert macht: das Offenlegen der innerfamiliären Spannungen und die Aufklärung des tragischen Vorfalls von einst. Auch im Hinblick auf die Figurenentwicklung ist Borowski und das Haus der Geister interessant: Nach fast fünfzehn Dienstjahren dürfen wir endlich seine Ex-Frau Gabrielle (Heike Trinker, Der rote Schatten) kennenlernen – ein netter Handlungsschlenker, der die Geschichte aber kaum voranbringt.

Bewertung: 5/10

Die robuste Roswita

Folge: 1064 | 26. August 2018 | Sender: MDR | Regie: Richard Huber
Bild: MDR/Wiedemann&Berg/Anke Neugebauer
So war der Tatort:

Reich an Kartoffeln, Kalauern und Klößen - und zugleich um einen Weimarer Kloßkönig ärmer. Denn Christoph Hassenzahl (Matthias Paul), Geschäftsführer einer traditionsreichen Kloßmanufaktur, liegt einleitend tot in einem seiner Firmenwagen - besser gesagt das, was von ihm übrig ist, weil sein Mörder die Leiche zu Granulat verarbeitet und transportfreundlich in einem Karton verpackt hat. Auch seine Gattin suchen die Hauptkommissare Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) zunächst vergeblich, denn die frühere Weimarer Kloßkönigin ist mittlerweile nur noch eine Klokönigin: Roswita Hassenzahl (Milena Dreißig, Tanzmariechen), nach der ihr Mann einst die titelgebende Kartoffel Die robuste Roswita benannt hat, verlor vor Jahren bei einem Sturz ihr Gedächtnis und kam danach beim schwer in sie verliebten Pilzsammler und Trickbetrüger Roland Schnecke (Nicki von Tempelhoff, Sonnenwende) unter, der ihr einen Job als Klofrau an einer Raststätte besorgt hat. Als sie plötzlich wieder auftaucht, sorgt das natürlich für Turbulenzen - und während die Ludwigshafener Kommissare Odenthal und Kopper in Tödliche Häppchen in einem Betrieb für Fleisch- und Fertiggerichte, ihr Kieler Kollege in Borowski und eine Frage von reinem Geschmack in einer Energydrink-Firma und die niedersächsische LKA-Kommissarin Lindholm in Der sanfte Tod in den Produktionshallen eines Fleischfabrikanten ermittelten, dürfen sich Lessing und Dorn nun nach Herzenslust in Hassenzahls Kloßmanufaktur austoben. Und werden ganz nebenbei noch von ihrem neuen Lebensgefährten fachkundig darüber aufgeklärt, wie man möglichst spritzfrei ins Pissoir einer Herrentoilette pinkelt.
Schnecke: "Drei Dinge muss ein Mann beachten: Senkrechte statt waagerechte Oberflächen anstrullen, geringer Aufprallwinkel und nah rantreten."
Wenn Dorn ihren nicht gerade vollschlanken Partner beim spontanen Nachstellen der Leichenbeseitigung keuchend durch die Halle schleppt und sich anschließend kaum noch auf den Beinen halten kann, ist das eine der gelungensten Sequenzen in dieser kurzweiligen Krimikomödie: Die Drehbuchautoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger, die auch die vorherigen Fälle aus Weimar konzipierten, setzen wieder auf das in Die fette Hoppe etablierte Erfolgsrezept, mit dem sich der Tatort aus Thüringen seit 2013 eine große Fangemeinde erarbeitet hat. Mit der Realität im deutschen Polizeialltag haben solche Einfälle wenig zu tun, aber das hat die Macher der Tatort-Folgen von der Ilm noch nie interessiert: In Weimar steht der Spaß im Vordergrund, und der kommt im 1064. Tatort einmal mehr nicht zu kurz. Im Gegenteil: Die robuste Roswita ist eine sympathische Gag-Parade mit staubtrockenem Wortwitz ("Seit der Schule waren wir per du." - "Aber jetzt ist alles perdu."), gewohnt schrägen Figuren und einem turbulenten Finale, was ein Stück weit für die gänzlich fehlende Spannung entschädigt. Während beim Showdown der verbitterte Kartoffelbauer Thomas Halupczok (Jörn Hentschel, Borowski und das Land zwischen den Meeren) und die Supermarkt-Einkaufsleiterin Marion Kretschmar (Anne Schäfer, Wir sind die Guten) zu großer Form auflaufen, ist es ansonsten vor allem die undurchsichtige Roswita Hasselbach, die eine Szene nach der nächsten stiehlt: Die pfiffige Amnesie-Patientin emanzipiert sich schneller von ihrer anfänglichen Dummchen-Rolle, als es vielen ihrer Mitmenschen lieb ist. Für reichlich Pointen sorgen ansonsten der erkältete Kommissariatsleiter Kurt Stich (Thorsten Merten) und Schutzpolizist Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey), der schon mal vor einer Wildschweinhorde auf den Baum flüchtet - die beiden Sidekicks sind aber längst zu reinen Karikaturen verkommen und sorgen mit ihren platten Zoten wie schon im Vorgänger Der kalte Fritte nicht immer für die erhofften Lacher. Eine auffällige Parallele ergibt sich außerdem zum grandiosen Schweizer Tatort-Experiment Die Musik stirbt zuletzt, das drei Wochen zuvor die Sommerpause 2018 beendete: Auch in Die robuste Roswita kommt das als "Schwiegermuttergift" bekannte Pflanzenschutzmittel E 605 zum Einsatz - eine Schwiegermutter muss aber auch in Weimar nicht dran glauben.

Bewertung: 6/10

Die Musik stirbt zuletzt

Folge: 1063 | 5. August 2018 | Sender: SRF | Regie: Dany Levy
Bild: SRF/Hugofilm
So war der Tatort:

Frei von jedem (sichtbaren) Schnitt. Und damit ist der heimliche Star im 13. Tatort mit den Luzerner Hauptkommissaren Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) Kameramann Filip Zumbrunn: Der Schweizer Filmemacher, der anders als Regisseur Dany Levy (Schmutziger Donnerstag) zum ersten Mal für die Krimireihe am Ruder sitzt, hat die Handlung in einer einzigen Einstellung gedreht, wie wir es aus Sebastian Schippers Drama Victoria, Alejandro González Iñárritus Oscar-Gewinner Birdman oder Alfred Hitchcocks Kammerspiel Cocktail für eine Leiche kennen. Angesichts der großen Abendveranstaltung im Kultur und Kongresszentrum Luzern (KKL), bei der Flückiger und Ritschard live ermitteln, ergeben sich auch Parallelen zum spektakulären Establishing Shot in Brian De Palmas Thriller Spiel auf Zeit - eine visuell außergewöhnliche Krimi-Erfahrung, wie man sie im Tatort bis dato noch nicht zu sehen bekommen hat. Der schwerreiche Unternehmer Walter Loving (charismatisch: Hans Hollmann) hat das Jewish Chamber Orchestra für ein feierliches Charity-Event engagiert, bei dem die jüdische Pianistin Miriam Goldstein (Teresa Harder, Letzte Tage) ein Geheimnis lüften möchte - doch als ihr Bruder Vincent (Patrick Elias, Die Frau im Zug), der im Orchester die Klarinette spielt, vergiftet wird und um sein Leben ringt, ruft das zunächst Ritschard auf den Plan, die zufällig vor Ort ist und Flückiger herbeizitiert. Neben der spannenden Echtzeit-Jagd auf den Täter eröffnen die Filmemacher auch eine ironisch angehauchte Meta-Ebene - und zwar in Person von Lovings schnöselig-arrogantem Sohn Franky (Andri Schenardi, Schmutziger Donnerstag), der immer wieder zum Zuschauer in die Kamera spricht und das turbulente Tatort-Experiment süffisant kommentiert.
Loving: "Ende gut, alles gut. Ein bisschen kürzer als andere Tatorte, aber immer noch okay."
Dieses Durchbrechen der vierten Wand ist nicht die einzige Parallele, die sich zum Wiesbadener Meisterwerk Im Schmerz geboren ergibt: Wie in der mit dutzenden Zitaten und popkulturellen Anspielungen durchsetzten Shakespeare-Italo-Western-Krimi-Oper von 2014 gibt es auch in Die Musik stirbt zuletzt eine elegant eingeflochtene Südamerika-Rückblende zu sehen und reichlich klassische Musik zu hören. Blieben beim Krimi mit Felix Murot (Ulrich Tukur) neben den herausragenden Schauspielern vor allem der fantastische Soundtrack des HR-Sinfonieorchesters, die tolle Regie und das geniale Drehbuch in Erinnerung, so ist es im 1063. Tatort eindeutig der schnittfreie Ritt durchs KKL, auf den die Kamera den Zuschauer mitnimmt und dabei spielerisch temporeiche Verfolgungsjagden, Dialogsequenzen vor großen Spiegeln und weitere Herausforderungen meistert. Rein handwerklich spielt Luzern (anders als sein Fußballclub, dessen blaues Fan-Shirt Flückiger stolz durch den Krimi trägt) damit in der Champions League - wem die wackelige Ästhetik und das unübersichtliche Setting zu anstrengend ist oder wem der Bruch mit den gewohnten Erzählmustern übel aufstößt, wird am Film aber nur wenig Freude finden. Weil die Auflösung bis in die Schlussminuten ungeklärt bleibt und auch die Besetzung über jeden Zweifel erhaben ist, kommen experimentierscheue Zuschauer aber zumindest ein Stück weit auf ihre Kosten: Der grandios aufspielende Hans Hollmann wächst in der anspruchsvollen Rolle als wohlhabender Stiftungseigner mit unklarer Vergangenheit über sich hinaus und auch Sibylle Canonica (Das Recht, sich zu sorgen), die 2011 im hochspannenden Kieler Tatort Borowski und die Frau am Fenster als eiskalte Mörderin brillierte, liefert als Ex-Gattin Alice Loving-Orelli eine starke Performance ab. Ein großes Kompliment gebührt auch den vielen Nebenschauspielern, Statisten und helfenden Händen bei den Dreharbeiten: Wie bei einer Theateraufführung wurde Die Musik stirbt zuletzt an nur vier Abenden ohne jede Unterbrechung abgedreht - eine Meisterleistung an Logistik und Improvisation, von der im besten Schweizer Tatort aller Zeiten anders als in den krachend gescheiterten Ludwigshafener Impro-Experimenten Babbeldasch und Waldlust so gut wie nichts zu spüren ist.

Bewertung: 9/10

Tschiller: Off Duty

Folge: 1062 | 8. Juli 2018 | Sender: NDR | Regie: Christian Alvart
Bild: NDR/Warner Bros./Nik Konietzy
So war der Tatort:

Kolossal gefloppt. Denn mit Tschiller: Off Duty startete zwar erstmalig seit 29 Jahren ein Tatort im Kino, ging dabei aber gnadenlos baden: Gerade einmal 280.000 Zuschauer bei der ersten und bundesweit wohl nicht einmal zehn (!) Zuschauer bei der zweiten Aufführung wollten den fünften Einsatz von LKA-Kommissar Nick Tschiller (Til Schweiger) und seinem Partner Yalcin Gümer (Fahri Yardim) sehen - und bekamen im Kinosaal weder den berühmten Fadenkreuz-Vorspann, noch die obligatorische Leiche zum Auftakt zu sehen. Anders als gewöhnliche Beiträge der Krimireihe spielt Tschiller: Off Duty auch nur wenige Minuten in Deutschland: Tschiller ist drei Jahrzehnte nach den ebenfalls im Kino gezeigten Schimanski-Folgen Zahn um Zahn und Zabou außer Dienst, muss aber seine Tochter Lenny (Luna Schweiger) finden, weil die so naiv war, persönliche Rache am Mörder ihrer Mutter nehmen zu wollen. Tschiller gerät bei ihrer Suche nach dem in Istanbul inhaftierten Firat Astan (Erdal Yildiz) erwartungsgemäß nach kurzer Zeit in Gefangenschaft, doch ist es wider Erwarten nicht Astan, der die junge Frau entführt hat: Der skrupellose Ex-Geheimagent Süleyman Seker (Özgür Emre Yildirim) will Lenny nach Moskau verkaufen, um beim russischen Gangsterboss Alexander Kinski (Evgeniy Sidikhin) zu punkten. Die Nähe zu Hollywood-Filmen wie 96 Hours ist greifbar - und Drehbuchautor Christoph Darnstädt (Der große Schmerz), der auch die ersten vier Tschiller-Fälle konzipierte, orientiert sich bei seiner dünnen Entführungsstory auch stark an der Lethal-Weapon-Reihe und anderen Buddy-Cop-Filmen. Der Filmemacher setzt von Beginn an auf das erfolgserprobte Wechselspiel aus rasanter Action und lockeren Sprüchen: Für die gelungenen Pointen zeichnet meist Spaßvogel Gümer verantwortlich, während Tschillers One-Liner nicht nur im türkischen Knast oft ohne die erhofften Lacher verpuffen.
Tschiller: "Ich sprech' kein Fleischklops."
Im Presseheft versprach der Filmverleih 2016 "eine atemlose Odyssee durch halb Europa", doch anders als in der ähnlich gelagerten James-Bond-Reihe bleibt es auch budgetbedingt bei den Schauplätzen Istanbul und Moskau. Alle Beteiligten wollen sich am Hollywood-Actionkino messen lassen - als über weite Strecken uninspiriertes Popcorn-Spektakel vom Reißbrett zieht Tschiller: Off Duty dabei aber klar den Kürzeren. Der fünfte Tschiller-Fall hechelt dem erfolgreichsten Film-Franchise der Welt um Längen hinterher: Während die populäre 007-Reihe, für die sich Schweiger gar als Hauptdarsteller ins Spiel brachte, regelmäßig neu erfunden wurde, lässt der Kino-Tatort die Eigenständigkeit von Beginn an vermissen. An den beiden Hauptdarstellern liegt es allerdings nicht, dass der Film nicht mit den großen Vorbildern mithalten kann: Schweiger und Yardim, die auch privat befreundet sind, harmonieren vor der Kamera einmal mehr prächtig. Auch Regisseur Christian Alvart (Fegefeuer) macht einen guten Job: Handwerklich waren seine Hamburger Tatort-Folgen schon immer über jeden Zweifel erhaben, und auch Tschiller: Off Duty punktet mit rasanter Action, der man die im Vergleich zum TV deutlich aufgestockten Produktionskosten vor allem im Schlussdrittel anmerkt. Pfiffige Wendungen, doppelte Böden oder vielschichtige Charaktere sucht man allerdings vergeblich: Die Rollen von Gut und Böse sind eindeutig definiert, denn der charismatische Erzfeind Firat Astan verschwindet schon früh von der Bildfläche. Alle anderen Gangster sind wandelnde Klischees, die verbal und non-verbal die Muskeln spielen lassen, um früher oder später mit Rüpel-Cop Tschiller aneinander zu geraten. Der zeigt wie schon im Kopfgeld wieder seinen nackten Hintern und ballert sich einmal mehr mit dem obligatorischen Cut im Gesicht durch den Film. Auch im Hinblick auf das Vokabular schließt sich in Tschiller: Off Duty der Kreis: "Fuck!" lautete Nick Tschillers erstes Wort bei seinem Debüt in Willkommen in Hamburg - und auch bei seinem fünften Einsatz gehören englische Kraftausdrücke fest zum Wortschatz aller Beteiligten.
Gangster: "Fuck you!"
Tschiller: "Fuck me? Bitch!"
Bewertung: 5/10

Freies Land

Folge: 1061 | 3. Juni 2018 | Sender: BR | Regie: Andreas Kleinert
Tatort: Freies Land
Bild: BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Hendrik Heiden
So war der Tatort:

Reichsbürgerlich. Denn die Münchner Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) geraten bei ihrem 78. Fall an Mitbürger, die die Existenz der Bundesrepublik Deutschland als rechtmäßiger Staat leugnen und zwischen 2015 und 2017 über 10.000 Straftaten begingen: Die sogenannten Reichsbürger sorgten in den Jahren vor der TV-Premiere von Freies Land wiederholt für Schlagzeilen. Im Film nennen sie sich "Freiländer" und haben sich in der Nähe des niederbayrischen Traitach niedergelassen – und weil der mutmaßliche Selbstmord von Florian Berg (Niels Osthorst), den seine Mutter Johanna (Doris Buchrucker, Klingelingeling) einleitend tot in der Badewanne findet, womöglich ein gezielt vertuschter Anschlag der Reichsbürger ist, verschlägt es auch Batic und Leitmayr in den Ort, in dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen und in dem die Freiländer unter Leitung des auf Krawall gebürsteten Anführers Ludwig Schneider (stark: Andreas Döhler, Der kalte Fritte) einen großen Hof und mehrere Hektar Land bewohnen. In bester The Village-Manier haben sie sich mit Stacheldrahtzaun von der Außenwelt abgekoppelt – behelligt werden sie von den Behörden aber ohnehin nicht, denn der ortsansässige Dorfpolizist Mooser (Sigi Zimmerschied, Häschen in der Grube) und sein schweigsamer Kollege (Konstantin Moreth, Ein Sommernachtstraum) haben resigniert und schieben fernab von Großstadttrubel und Staatsanwaltschaft eine ruhige Kugel. Das bekommen auch Batic und Leitmayr zu spüren, die mit der köstlichen Antriebslosigkeit ihrer Kollegen zu kämpfen haben und vor Ort nicht immer die Unterstützung bekommen, die sie sich erhofft hätten.
Mooser: "Es gibt natürlich noch so unermüdliche Helden wie euch. Und wir anderen machen jetzt Mittag."
Wer die mediale Berichterstattung nicht verfolgt und in den sozialen Netzwerken weggesehen hat, wird in angemessener Länge über die Ideologie der Reichsbürger aufgeklärt: Regisseur Andreas Kleinert (Freddy tanzt) und Drehbuchautor Holger Joos (Der Tod ist unser ganzes Leben) wagen sich an ein politisch heißes Eisen und lassen die Kommissare vor Ort in eine Versammlung stolpern, bei der Schneider für eine Brandrede viel Zuspruch erntet. Keine Frage, der 1061. Tatort legt den Finger auf den Puls der Zeit und mitten in die Wunde der deutschen Exekutive, die der Missachtung ihrer Autorität bisweilen machtlos gegenüber steht: Eine vergleichbare Geschichte erzählte 2014 der herausragende Bremer Tatort Brüder, in dem Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) einen kriminellen Clan gewähren lassen mussten – und auch Schneider, sein Handlanger Klaus (Simon Zagermann) und der gewievte Anwalt Roland (Thorsten Krohn) wissen genau, wie weit sie gehen dürfen. Die Kommissare wiederum lassen sich provozieren: Die kurze Eskalation der Gewalt markiert einen Wendepunkt, ist der Spannungskurve in Freies Land aber nicht ganz so dienlich, wie man zunächst meinen sollte, denn Batic und Leitmayr zoffen sich anschließend so sehr, dass sie vorübergehend getrennte Wege gehen. Leitmayr nutzt diese Zeit für einen ausgedehnten Ausflug mit dem schrulligen Dorfältesten Alois (Peter Mitterrutzner, Unvergessen) –dieses toll fotografierte Intermezzo ist dank der sommerlichen See- und Wiesenpanoramen hübsch anzuschauen, gestaltet sich aber weniger reizvoll als Batic' Annäherung an das blinde Mädchen Maria (Vreni Bock), das die Worte seiner alleinerziehenden Mutter Lene (Anja Schneider, Ätzend) durchaus hinterfragt. Ansonsten spielen Batic und Leitmayr, die einmal mehr prächtig harmonieren, oft nur die zweite Geige: Neben ihren Ermittlungen beleuchten die Filmemacher auch das Innenleben der Freilandgemeinschaft, die ihr Weltbild gegen alle Widerstände in die Tat umsetzen möchte. Vielschichtige Charaktere findet man hinter den Zäunen aber nur wenige, weil die Figurenkonstellation sehr klassisch ausfällt: Während Schneider die Rolle eines Sektengurus einnimmt und viele geistig limitierte Mitläufer unter seinen Fittichen weiß, darf sich die energische Lene erst spät von ihrer eindimensionalen Rolle emanzipieren. Etwas zu kurz kommt auch Assistent Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer): Während Batic und Leitmayr an der Front für die wunderbar unaufdringlichen, humorvollen Zwischentöne sorgen (Stichwort: Automaten-Currywurst), hält Kalli in München die Stellung – und steuert zumindest noch den entscheidenden Hinweis zur Auflösung bei.

Bewertung: 7/10

Schlangengrube

Folge: 1060 | 27. Mai 2018 | Sender: WDR | Regie: Samira Radsi
Bild: WDR/Thomas Kost
So war der Tatort:

Kulinarisch. Denn Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) darf in Schlangengrube mal wieder einer neuen Leidenschaft frönen: Der Rechtsmediziner ist unter die Gourmetköche gegangen und hofft auf ein Engagement für den TV-Produzenten Dr. Richard Stockmann (Robert Hunger-Bühler, Preis des Lebens), der einen besonders anspruchsvollen Gaumen mitbringt und ihm die Fernsehshow "Boerne kocht" in Aussicht stellt. Im megapopulären Tatort aus Münster gibt es in dieser Hinsicht also nichts Neues zu vermelden: Nach der Aktionskunst im Vorgänger Gott ist auch nur ein Mensch, der Jagd im Vorvorgänger Fangschuss und dem Tanzen im Vorvorvorgänger Ein Fuß kommt selten allein (um nur die drei letzten zu nennen), soll Boerne durch sein neuestes Hobby wieder für die sorgfältig kalkulierten Lacher sorgen. Auch die Standardwitze über seine kleinwüchsige Assistentin Silke "Alberich" Haller (Christine Urspruch) dürfen in Westfalen nicht fehlen ("Jetzt reden Sie doch nicht länger, als Sie selber sind!") - ebenso wenig die bemühten Reibereien zwischen Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und seinem kiffenden "Vaddern" Herbert (Claus Dieter Clausnitzer), mit dem Thiel diesmal eine Radtour - natürlich, ins Coffee-Shop-Paradies Amsterdam - geplant hat, und die seit 2002 so fest zum Inventar gehören wie die Nikotinsucht von Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann). Die wird im 1060. Tatort erfreulicherweise nicht überzelebriert - stattdessen kommt Klemm in Schlangengrube eine Schlüsselrolle zu, weil sie nach dem Mord an ihrer Nachbarin Patrizia Merkens (Lilia Lehner, Heimspiel) unter Mordverdacht gerät. Zeit für müde Wortwitze bleibt natürlich dennoch.
Klemm: "Doch nicht Shoppingstraße - Chopinstraße! Wie der Komponist, mit C!"
Die Stammautoren Jan Hinter und Stefan Cantz, die als Erfinder der Folgen aus Münster gelten, und Regisseurin Samira Radsi, die ihr Tatort-Debüt gibt, arrangieren eine seichte und über weite Strecken gähnend langweilige Krimikomödie, nach deren Geschichte man einmal mehr die Uhr stellen kann. Da darf die obligatorische zweite Leiche nach einer Stunde ebenso wenig fehlen wie der heitere Schlussakkord, um die Zuschauer sanft in die Nacht zu entlassen - die wirklich originellen Szenen lassen sich hingegen an einer Hand abzählen. Doch es gibt sie: Fast-Food-Fan Thiel hätte man kaum zugetraut, Boernes kulinarische Kreationen mit Geheimtipps zu vergolden - und auch der Showdown, der angesichts der Aquarienkulisse als Verweis auf den 70er-Jahre-Klassiker James Bond 007: Der Spion, der mich liebte mit Unterwasser-Bösewicht Karl Stromberg (Curd Jürgens) gewertet werden kann, zählt visuell zu den Highlights dieser ansonsten enttäuschenden Tatort-Folge. Unter dem Strich ist die mit einem harmlosen Dudel-Soundtrack vertonte Krimikomödie dank der Aufnahmen im Allwetterzoo Münster, in dem Thiel undercover der Tierpflegerin Henny Neubert (Julischka Eichel, Der rote Schatten), dem Tierarzt Dr. Gremlich (Dirk Martens, Müll) und dem Zoodirektor Dr. Schönweis (Felix Vörtler, Sturm) auf den Zahn fühlt, so nah an kitschiger Familienunterhaltung á la Unser Charly oder Hallo Robbie! und öffentlich-rechtlichen Zoo-Doku-Soaps wie nie zuvor: Am Ende darf sogar noch eine putzige Pinguindame gerettet werden. Der engagierte Auftritt von Ex-Franziska-Darstellerin Tessa Mittelstaedt als überzeichnete und auf 80er Jahre frisierte Staatsanwältin Ungewitter verkommt zum reinen Selbstzweck, während sich Thomas Arnold (bis Tollwut regelmäßig im Tatort aus Dortmund zu sehen) als Dokumentarfilmer Henry Schlör zumindest etwas Charisma erarbeitet. Letztlich sind die Schauspieler aber nur Gefangene der Aneinanderreihung von humorvollen Dialogen und routiniert abgespulten Standardmomenten, die allesamt im Plot untergebracht werden müssen - und so bedarf es keiner hellseherischen Fähigkeiten, um zu erahnen, dass die beiden Handlungsstränge um Boernes Gourmetküche und Thiels Tierpfleger-Aktivitäten bei der Auflösung ihres 33. Falls am Ende zusammenlaufen. Die bombastischen Einschaltquoten - zuletzt 14,5 und 12,9 Millionen Zuschauer - geben dem WDR im Hinblick auf das inhaltlich variierte Aufwärmen der immergleichen Mechanismen zweifellos Recht - im Hinblick auf Spannung und Originalität sind Thiel und Boerne sechzehn Jahre nach ihrem Debüt in Der dunkle Fleck aber nur noch ein Schatten früherer Tage.

Bewertung: 4/10